Von Ulrike Putz, Haifa
Inzwischen studiert Dana Psychologie an der Universität Haifa. Sie will verstehen, wie die menschliche Psyche funktioniert, wenn "sie auf stumm schaltet". "Es gibt in Israel ein großes Tabu: Kritik am Militär gibt es nicht, das tut man nicht." Dana will dieses Schweigen brechen, deshalb hat sie ihre Geschichte vor der Kamera der bekannten israelischen Dokumentarfilmerin Tamar Yarom erzählt. "Es wird Zeit, dass die Leute darüber reden, was in den besetzten Gebieten passiert", sagt sie. Reden, das ist für sie die Therapie nach der Therapie. Monatelang ging sie nach ihrem Militärdienst zum Psychologen, um das, was sie gesehen hatte, einzuordnen.
"Kritisieren kann man hinterher"
Vier Jahre hat es gedauert, um den Dokumentarfilm "Um zu sehen, ob ich lächele" fertig zu stellen. Dana Behar und fünf weitere Frauen erzählen, wie sie den Armeedienst in Kampfeinheiten erlebt haben. Der Titel des Films bezieht sich auf eine Episode, die einer der Frauen widerfahren ist. Sie war dafür zuständig, die Leichen von getöteten Palästinensern zu waschen, bevor diese an die palästinensischen Behörden übergeben wurden. Eines Tages hatte eine der Leichen im Tode eine Erektion. Die Soldatin ließ sich mit dem nackten Toten fotografieren - und ist heute entsetzt darüber. Sie habe sich nachher so geschämt, sie habe das Foto nie wieder ansehen wollen, sagt Meytal Sandler in dem Film. Erst viel später habe sie es wieder angeschaut: "Ich wollte sehen, ob ich lächele."
Der einstündige Beitrag hat im Dezember beim weltweit größten Dokumentarfilmfestival in Amsterdam den "Silbernen Wolf" gewonnen. Von den Festivalbesuchern wurde die israelische Dokumentation als bester Film des Jahres 2007 gewählt. Zwar gewann er auch beim israelischen Dokumentarfilmfestival in Haifa einen Preis. Als er im November im israelischen Fernsehen ausgestrahlt wurde waren die Reaktionen jedoch beileibe nicht so positiv. "Im Internet und per Leserbrief wurden wir von sehr vielen Leuten als Heulsusen beschimpft, als Verräterinnen", sagt Dana. Aber es habe auch andere Stimmen gegeben. "Von Leuten, die sagten, sie hätten zwar ähnliches erlebt, aber es sei nicht die richtige Zeit, die Armee zu kritisieren", sagt Dana. "Wir stehen mitten in einem Krieg, kritisieren kann man hinterher, das ist so ein klassisches Argument." Dana klingt müde, wenn sie sich die Schmähungen in Erinnerung ruft. "Es waren harte Wochen."
Gefreut hat Dana, dass es auch viele positive Reaktionen gab. "Ein paar Schulen haben mich eingeladen, um vor ihren Abiturienten zu sprechen." Die israelische Gesellschaft fange langsam an, sich dem Problem zu stellen. "Dabei ist es typisch, dass die Frauen die ersten sind, die den Mund aufmachen. Es gibt genügend Männer, die die Dinge ähnlich sehen wie wir, aber es fällt ihnen wohl schwer, über ihre Gefühle zu reden."
Das Schwierigste sei die Kluft zwischen ihrem zivilen Leben und dem Armeedienst gewesen, sagt Dana. "Da hat man ein paar Tage frei und sitzt wie ich heute im Café, und keiner um einen herum will hören, was man die Woche davor erlebt hat." Selbst ihrer Mutter, die ihr "den moralischen Kompass eingebaut" hat, habe sie sich nicht anvertrauen können in jener "schweren Zeit". Auch deshalb habe sie beim Filmprojekt mitgemacht, sagt Dana. Sie wollte zu den Eltern sprechen, deren Kinder demnächst eingezogen werden. "Sie schicken ihre Kinder in die besetzten Gebiete, sie haben das Recht zu wissen, dass dort nicht alles gut ist."
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