London - Die Situation in Afghanistan verschärft sich dramatisch, analysierte heute der britische Außenpolitik-Expertenrat The Senlis Council. Verantwortlich dafür sind dem Jahresbericht zufolge die zunehmenden Angriffe der extremistischen Taliban. Die Extremisten hätten das Land an den "Rand des Abgrunds" gebracht. Eine Verstärkung der internationalen militärischen und wirtschaftlichen Hilfe sei dringend erforderlich, erklärte der Senlis Council heute in London. Ohne Deutschland direkt zu nennen, kritisierten die Experten Nato-Staaten, "die bislang unwillig sind, Truppen in den direkten Kampf gegen die Taliban zu schicken".
Die Präsidentin des Senlis Council, Norine MacDonald, erklärte bei der Vorstellung des Afghanistan-Jahresberichts, es sei falsch davon zu sprechen, dass die Nato wirklich insgesamt die Regierung von Hamid Karsai in Afghanistan unterstütze. "Ganze vier Länder sind mit den Taliban beschäftigt: Die USA, Kanada, Großbritannien und die Niederlande."
Da andere Nato-Staaten offenkundig "unfähig oder unwillig" seien, auf die Gefahren für Afghanistan angemessen zu reagieren, müsse der Uno-Sicherheitsrat nach militärischer Unterstützung auch außerhalb der Nato suchen. Nötig sei eine Verdoppelung der Stärke der ausländischen Truppen in Afghanistan auf rund 80.000 Mann. Zudem sollten keinem Land beim Einsatz seiner Truppen "nationale Vorbehalte" zugebilligt werden.
Parallel zur Vorstellung des Berichts beriet sich US-Außenministerin Condoleezza Rice mit Premierminister Gordon Brown und Außenminister David Miliband über die Lage in Afghanistan. Die Ministerin will britischen Zeitungsberichten zufolge für ein deutlich verstärktes Engagement der Nato-Mitglieder in Afghanistan werben.
Jung sagt Kampftruppen zu
Die Bundesregierung sagte heute zu, ab Sommer die schnelle Eingreiftruppe QRF für Nordafghanistan stellen. Damit schickt Deutschland erstmals einen Kampfverband an den Hindukusch . Mit der Entsendung von 200 zusätzlichen Soldaten sei aber "keine neue Qualität" des Einsatzes verbunden, betonte Verteidigungsminister Franz Josef Jung heute in Berlin. Dieser laufe weiter unter dem bisherigen Bundestagsmandat für die Internationale Schutztruppe Isaf, auch bleibe es bei der Gesamtobergrenze von 3500 Mann. Eine Mandatsänderung im Herbst schloss der Minister jedoch nicht aus.
Der britische Verteidigungsminister Des Brown erklärte inzwischen, Großbritannien schicke eine neue Elite-Kampfeinheit nach Afghanistan. Die Luftangriffsbrigade, darunter Fallschirmjäger, werde die Infanteriebrigade im April ersetzen. Die Zahl der rund 7700 britischen Soldaten in Südafghanistan werde sich durch den Routinewechsel aber nicht ändern.
Die Kriegskasse füllen sich die Taliban vornehmlich mit Geldern aus dem Opiumanbau - und hier dürfte auch in diesem Jahr der Uno zufolge wieder eine Rekordernte anstehen. Afghanistan ist der weltgrößte Opium-Produzent - 90 Prozent des weltweiten Rohopiums stammen von hier. Die Taliban zwingen die Bauern zu Abgaben, erklärte das Uno-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) heute. Sie müssen eine Art Steuern an die Taliban in Höhe von zehn Prozent ihres Einkommens zahlen. Der Drogenanbau liefere den Taliban rund 100 Millionen US-Dollar.
Mehr als sechs Jahre nach Beginn des internationalen Anti-Terror-Kampfes in dem Land konzentriere sich der zur Opiumproduktion benötigte Anbau von Mohn zunehmend im umkämpften Süden des Landes. Im vergleichsweise friedlichen Norden werde dagegen immer weniger Mohn angebaut, hieß es weiter. In dieser Region führt die Bundeswehr das Kommando über die internationale Stabilisierungstruppe Isaf. Dem UNODC-Bericht zufolge dürfte sich die Konzentration des Anbaus auf den Süden im Laufe des Jahres noch verstärken. Die Bauern müssten dort durchweg zehn Prozent ihres Einkommens entweder an die islamistischen Taliban oder an korrupte Regierungsvertreter abgeben.
Mehr Sicherheit im Norden
Während also der Süden immer stärker in den Sog der Taliban gerät, sieht einer Umfrage zufolge die Mehrheit der nordafghanischen Bevölkerung die Sicherheitslage in ihrer Region aufgrund der Präsenz ausländischer Truppen verbessert. Laut der heute in Berlin veröffentlichten Erhebung der Freien Universität Berlin im Nordosten Afghanistans finden 76 Prozent, dass es sehr viel sicherer geworden sei. Nur 0,6 Prozent gaben an, die Sicherheitslage habe sich in den vergangenen zwei Jahren verschlechtert. 80 Prozent der Befragten schrieben die positive Veränderung den ausländischen Truppen zu. Allerdings werten 43 Prozent die Präsenz der Truppen als Bedrohung für lokale Gepflogenheiten und islamische Werte.
Der Beitrag lokaler Kommandeure zur Sicherheit ist nach Ansicht der Befragten gering. Nur 6 Prozent sehen einen positiven Einfluss, 87 Prozent gaben an, lokale Miliz-Kommandeure hätten weder einen positiven noch negativen Einfluss auf die Sicherheit. Die afghanische Regierung trägt nach Ansicht der Befragten hingegen fast genauso viel wie die ausländischen Truppen zur Sicherheit bei.
Deutschland, derzeit nur im Norden Afghanistans mit Soldaten im Einsatz, stellt den Angaben zufolge derzeit das drittgrößte Truppenkontingent der internationalen Schutztruppe Isaf. Außerdem ist die Bundesrepublik der viertgrößte Geber.
ler/dpa/Reuters
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