Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington - Er hat die Bühne für seinen Abgang mit Bedacht gewählt. Mitt Romney steht vor der Conservative Political Action Conference. Alle im Publikum erwarten eine Rede, die die Herzen der Konservativen wärmen soll. Im Ballsaal des Omni Shoreham Hotel in Washington drängen sich Tausende Republikaner vom ganz rechten Parteiflügel, die sich schon auf die Präsentation eines Enthüllungsfilms über Hillary Clinton am Abend freuen - und die am Morgen Vizepräsident Dick Cheney mit den Rufen begrüßt haben: "Noch vier Jahre! Wir lieben dich!"
Dann spricht Romney.
"Ich muss an unsere Partei und an unser Land denken. Wenn ich bis zum Parteitag im Sommer weitermache, verhindere ich, dass die Republikaner sich um einen Kandidaten scharen können - und erhöhe damit die Chance, dass Hillary Clinton oder Barack Obama im November siegen", sagt er. Und dann das Eingeständnis seiner Niederlage, sein Rückzug: "In Zeiten des Krieges darf nicht durch meine Bewerbung jemand gewählt werden, der im Kampf gegen den Terror aufgeben möchte."
Es ist das Ende des Präsidentschaftsbewerbers Mitt Romney. Jenes konservativen Mormonen, der sich riesige Hoffnungen gemacht hatte - und nun eingestehen muss, dass er gegen John McCain, den Mann der Mitte, keine Chance hat. Es geht dem Ex-Gouverneur von Massachusetts in seiner Rede um einen guten Abgang. Er tritt als fairer Verlierer auf, als Bewerber, der die Partei und den Kampf gegen den Terror über alles stellt - was nützlich sein könnte, falls er sich in vier oder acht Jahren noch einmal aufstellen lassen will.
Kann McCain die äußerste Rechte überzeugen?
Nun ist das republikanische Präsidentschaftskandidaten-Rennen so gut wie entschieden. McCain, der Mann der Mitte, hat es geschafft. Ex-Baptistenprediger Mike Huckabee und der Kongressabgeordnete Ron Paul haben den Kampf mit ihm zwar noch nicht offiziell aufgegeben, aber beide haben zu wenig Geld, um McCain noch entscheidend angreifen zu können. Er kann sich jetzt zum Star der Republikaner aufbauen - während bei den Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama voraussichtlich noch lange miteinander um die Kandidatur ringen.
Der 71-Jährige hat nun nur noch ein Problem: eben jenen ganz rechten Flügel seiner Partei zu überzeugen, der ihn wegen seiner liberalen Haltung zu Folter, Einwanderungsreform oder Lobbyisten-Kontrolle extrem kritisch sieht - und droht, ihn als Kandidaten nicht zu unterstützen. McCain weiß um das Problem. Er hat an diesem Donnerstag per Brief an die konservative Federalist Society versprochen, als Präsident konservative Richter zu ernennen, und dann wenige Stunden nach Romney vor der Conservative Political Action Conference gesprochen (die er im vergangenen Jahr noch gemieden hatte).
Als McCain dort aufs Podium tritt, klatscht der Saal ausdauernd. "Viele von Ihnen stimmen mit mir nicht überein", sagt McCain vorsichtig. "Aber bitte bedenken Sie, dass ich immer ein stolzer Konservativer war." McCain erwähnt seinen Kampf gegen Abtreibung, er verteidigt Freiheit als ein Gottesgeschenk, die kein Gnadenakt der Regierung sei. Er betont seine Liebe zu freien Märkten, seinen Hass auf Subventionen und Staatsverschwendung, und er zeichnet sich wieder als Fußsoldaten der Reagan-Revolution.
Das Reizthema Einwanderung polarisiert
Er spricht sogar die Themen an, für die viele Anwesende ihn vehement verdammen - etwa seinen Einsatz für einen humaneren Umgang mit illegalen Einwanderern. Als er das Wort "illegale Einwanderung" nur in den Mund nimmt, buht der Saal ausdauernd für beinahe eine Minute. Doch McCain lässt sich nicht beirren: "Ich weiß, dass das Thema noch polarisiert", sagt er. "Aber ich werde als Präsident als Erstes dafür kämpfen, die Grenzen sicherer zu machen. Und ihr wisst, dass ich dem Land nichts verspreche, was ich nicht halten kann."
McCain (bei Rede vor Partei-Rechten): "Wir sollten uns häufiger treffen"
Die rechten Fundamentalisten umarmen McCain nicht - aber sie stoßen ihn auch nicht fort. Das liegt auch daran, dass er sich in seiner Rede schon auf die demokratischen Bewerber Hillary Clinton und Barack Obama einschießt - er weiß, dass seine Kritiker ihn bei der Präsidentenwahl im November den beiden Demokraten immer noch vorziehen werden.
Am Ende der Rede klatschen die rechten Republikaner McCain so freundlich Beifall, dass McCain scherzt: "Meine Freunde, wir sollten uns häufiger treffen."
Bei Romneys Rede hatten die Zuhörer auch geklatscht - aber Wehmut lag keineswegs in der Luft. Romney hatte im Gegensatz zu McCain um den konservativen Flügel der Republikaner gebuhlt, sich als der "wahre Konservative" im Bewerberfeld präsentiert, bis zuletzt. Aber wenige haben ihm das geglaubt.
Mehr als 37 Millionen Dollar eigenes Geld investiert
Dabei hatte Romney eine Menge anzubieten. Er war erfolgreicher Mitgründer der Beteiligungsfirma Bain Capital, hatte die Olympischen Spiele in Salt Lake City beinahe eigenhändig vor Korruption und Ruin gerettet. Danach schaffte er es, als Republikaner im liberalen Massachusetts zum Gouverneur gewählt zu werden. Romney ist im Gegensatz zu den Kontrahenten in erster Ehe skandalfrei verheiratet, seine fünf Söhne reisten samt Schwiegertöchtern im Wahlkampf für ihn quer durch das Land. Und er verfügt über ein privates Vermögen, das auf bis zu 500 Millionen Dollar geschätzt wird - und das er bereitwillig anzapfte: Schätzungen zufolge hat er allein bis Ende 2007 insgesamt 37,5 Millionen Dollar eigenes Geld in seine Bewerbung investiert. Für den gesamten Wahlkampf dürfte es noch deutlich mehr gewesen sein.
Doch der "Return on Investment", die Rendite dieser Investition, wie es der Ex-Geschäftsmann Romney wohl selber nennen würde - er war denkbar gering. Weit abgeschlagen liegt er hinter John McCain, der in den Vorwahlen gut dreimal so viele Delegierte für den Nominierungsparteitag hinter sich versammeln konnte als er. Diese Einsicht hat den Zahlenmenschen Romney wohl am Ende zur Aufgabe gezwungen.
Das viele Geld reichte nicht, um die beiden großen Problemstellen in seinem Lebenslauf zu überdecken: erstens seinen mormonischen Glauben, der gerade republikanischen Christen eher suspekt ist. Zweitens seine politische Flexibilität, die ihn als Kandidaten oft künstlich und umfragegesteuert wirken ließ. Denn in seiner Zeit als Gouverneur im liberalen Massachusetts hatte sich Romney noch durch den Einsatz für eine allgemeine Gesundheitsversorgung, für Abtreibungs- und Schwulenrechte hervorgetan. Jetzt wollte er davon nichts mehr wissen. Als der Ex-Strategieberater die Strategie für seine Bewerbung um das Weiße Haus plante, verordnete er sich radikale Positionswechsel, um die religiöse Rechte der Republikaner zu überzeugen.
Das sah dann so aus: Im November 2007 hielt er vor den erzkonservativen "Value Voters" in Washington eine fulminante Rede gegen Abtreibung und Schwulenehe, für das Leben und die Familie. "Wir müssen unseren Kindern sagen: Wenn ihr Babys haben wollt, müsst ihr erst heiraten", rief er. Das Gefangenenlager in Guantanamo wollte er verdoppeln, warnte vor den Attacken radikaler Islamisten und präsentierte sich als stolzer Standartenträger der Reagan-Revolution.
Flip-Flopper und Mormone - das wurde ihm zum Verhängnis
Pech nur, dass Romney so bald weithin als Flip-Flopper galt - als jemand, der alles sagt, um gewählt zu werden. Seine alten Positionen holten ihn pausenlos ein, oft in peinlichen Videos oder Interviewausschnitten. Selbst als er vorige Woche in der "Ronald Reagan Präsidentenbibliothek" das Erbe des Ex-Präsidenten lobte, kursierte wenig später ein Videoausschnitt, in dem er Anfang der neunziger Jahre kritische Bemerkungen zu Reagans Vermächtnis machte. Für McCain, der auch schon gelegentlich seine Meinung gewechselt hat, war es da ein Leichtes, ihn mit Spott zu übergießen: "Mitt Romney ist der Vertreter des Wandels", ätzte er.
Schlimmer noch als McCain war aber der Ex-Baptistenprediger Mike Huckabee für Romneys Wahlkampf. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas versprach den jubelnden Partei-Fundamentalisten: "Ich komme nicht zu euch, ich komme von euch." Die trugen ihn zum Sieg im wichtigen ersten Vorwahlstaat Iowa - und durchkreuzten Romneys Pläne.
Durch Siege in den frühen Vorwahlstaaten Iowa und New Hampshire hätte Romney alle Zweifel an seinem mormonischen Glauben und an der Tiefe seiner Überzeugungen ausräumen können. Hätte. Doch nach Huckabees Sieg in Iowa gewann McCain in New Hampshire.
Und die Niederlage nahm ihren Lauf.
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