Mittwoch, 10. Februar 2010

Politik



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08.02.2008
 

Vorstoß in Großbritannien

Sturm der Entrüstung über Scharia-Erzbischof

Von Friederike Freiburg

"Wenig hilfreich", "gefährlich", "wirr": Rowan Williams, Oberhaupt der anglikanischen Kirche, will die Scharia ins britische Rechtssystem einführen - doch der Vorstoß wird zum Debakel. Politiker, Geistliche und Kommentatoren sind empört. Die Äußerungen könnten ihn das Amt kosten.

Hamburg - Eigentlich hätte Rowan Williams, Erzbischof von Canterbury und geistliches Oberhaupt der anglikanischen Kirche, die Tragweite seiner Äußerungen klar sein müssen: In einem Radio-Interview mit der BBC schlug er vor, Teile der Scharia, des islamischen Rechts, ins britische Rechtssystem aufzunehmen. Scharia - das bedeutet für viele: grausige Strafen wie Steinigungen oder öffentliches Auspeitschen, ein Rückfall in finsterste Zeiten.

Erzbischof Williams: Unüberlegte Äußerungen?
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REUTERS

Erzbischof Williams: Unüberlegte Äußerungen?

Länder, in denen eine Form der Scharia als Staatsrecht gilt, ahnden oft auch Ehebruch, Homosexualität oder die Abkehr vom Glauben mit der Todesstrafe. Darum ging es Williams zwar offenbar nicht - er hatte explizit hinzugefügt: "Niemand, der recht bei Sinnen ist, will in diesem Land die Unmenschlichkeiten sehen, die mit der Praxis des Rechts in einigen islamischen Staaten verbunden ist." Vielmehr solle das islamische Recht bei Ehekrach oder finanziellen Auseinandersetzungen greifen, sagte Williams. Begründung: In Großbritannien würden sich ohnehin bereits einige Bürger nicht mehr mit dem geltenden britischen Recht identifizieren.

Viele Briten allerdings entrüsten sich nun über Williams' Vorstoß. Und selbst die, die ihm zumindest noch guten Willen unterstellen, schütteln nur die Köpfe. "Die Äußerungen des Erzbischofs waren gut gemeint, aber der Weg zur Hölle ist oft gepflastert mit guten Vorsätzen", schreibt Khalid Mahmoud, Abgeordneter der Labour-Partei, in einer Stellungnahme. Williams' Vorschlag drohe Muslime und Nicht-Muslime noch weiter auseinanderzubringen, und das britische Rechtsystem sei ohnehin weltweit führend.

"Ich verstehe nicht, was in ihn gefahren ist"

Im Massenblatt "Sun" heißt es: "Es wäre allzu leicht, den Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, als dummen alten Spinner anzusehen. In Wahrheit ist er eine Gefahr für unser Land." Sein Vorschlag sei "ein gewaltiger Propaganda-Erfolg für Extremisten, die planen, die jahrhundertealte Tradition britischen Lebensstils zu beenden", schreibt die Zeitung.

Auch britische Spitzenpolitiker lehnen Williams' Scharia-Idee mit deutlichen Worten ab. Premier Gordon Brown ließ durch seinen Sprecher mitteilen, allein britisches Recht "basierend auf britischen Werten" habe im Land zu gelten. Tom McNulty, Staatssekretär im Innenministerium, sagte: "Uns vorzuschlagen, dass wir unser Rechtssystem grundlegend ändern und das Scharia-Recht mitaufnehmen sollen, halte ich für völlig falsch." Ein Recht müsse für alle gelten.

"Ich verstehe nicht, was in ihn gefahren ist", sagte ein Minister, der namentlich nicht genannt werden wollte, der Online-Ausgabe der Zeitung "Independent". "Das ist wirklich wenig hilfreich." Der Kommentator der konservativen "Times" meint, man solle sich besser damit auseinandersetzen, "wie man mehr Muslimen helfen kann, sich erfolgreich in unsere tolerante Kultur zu integrieren" - anstatt Veränderungen der britischen Kultur voranzutreiben, nur damit "Teile der muslimischen Gemeinde besser zurechtkommen".

Um Mitternacht fällt das Urteil

Trevor Philips, Vorsitzender der britischen Menschenrechtskommission, nannte die Äußerungen des Geistlichen "wirr". Er sieht darin eher eine Gefahr für die Verständigung innerhalb der Gesellschaft. "Wenn man diese Idee weiterverfolgt, verschafft das anti-muslimischen Extremisten nur noch mehr Aufmerksamkeit", sagte Philips. "Er muss doch begreifen, welche Schlagkraft seine Worte haben."

Auch muslimische Gruppen in Deutschland reagierten erstaunt auf den Vorstoß aus England. "Die Muslime selbst erheben so einen Anspruch nicht", sagte Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats in Deutschland, zu SPIEGEL ONLINE. "Uns geht es in erster Linie um Religionsfreiheit und Gleichbehandlung wie anderen Religionsgemeinschaften." Ehestreitigkeiten könne man auch ohne Gesetzesänderung nach islamischem Brauch schlichten. "Genau wie einen Christen niemand davon abhält, mit solchen Problemen zu einem Geistlichen zu gehen, ist das auch bei Muslimen kein Problem."

Ansonsten sei man zufrieden mit den Passagen des Grundgesetzes zur Religionsfreiheit - weniger allerdings mit dessen Umsetzung. "Das Kopftuchverbot an Schulen in einigen Bundesländern zeigt, dass Muslime nicht gleich behandelt werden wie Angehörige anderer Religionen", sagte Kizilkaya.

War Erzbischof Williams klar, welche Empörung er verursachen würde? Oder waren die Äußerungen gut gemeint, nur schlecht ausgedrückt? Eine Antwort von ihm selbst dazu gibt es bislang nicht. Doch für die Diskussion, die er mit seinem Interview losgetreten hat, spielt das auch nur noch eine untergeordnete Rolle.

Die "Sun" jedenfalls scheint beschlossen zu haben, das Schicksal des obersten Anglikaners in die Hand zu nehmen. Unter der Überschrift "Richten Sie selbst!" fragt das Blatt: "Sollte der Erzbischof wegen seiner Äußerungen zur Scharia gefeuert werden?" Unter zwei beigefügten Telefonnummern sollen die Millionen Leser ihre Meinung sagen, "Ja" oder "Nein". Zeit bleibt ihnen noch bis Mitternacht. Dann fällt das Urteil.

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