Von Annett Meiritz
Hamburg - Das Taliban-Video vom Juni 2007 beunruhigte die deutschen Behörden zutiefst: Vor laufender Kamera verabschiedet Taliban-Kommandeur Mansur Dadullah in einer Art feierlicher Zeremonie vier Gruppen angeblicher Selbstmordattentäter, die auf einer kargen Hochebene vermummt vor ihm hocken. Eine der Gruppen soll dem Band zufolge nach Deutschland aufbrechen, die anderen drei in die USA, Kanada und nach England - um sich mit Anschlägen für den Krieg in Afghanistan zu rächen. "Diese Amerikaner, Briten, Kanadier und Deutschen kommen von weit entfernten Orten hier nach Afghanistan", sagte Dadullah auf dem Band, "Warum sollen wir sie nicht verfolgen?"
Terrorexperten bezweifelten den Wahrheitsgehalt der Aufnahmen, doch der Propaganda-Erfolg war dem Taliban-Kommandeur gewiss. In Reaktion auf das Video verhängte Deutschland die zweithöchste Gefahrenstufe Orange. Innenstaatssekretär August Hanning warnte öffentlich: "Wir sind voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt". Die Gefahr von Terroranschlägen auf Deutsche sei so hoch wie lange nicht mehr, sagte Hanning.
Wenige Monate später, im November 2007, kündigten die radikal-islamischen Taliban eine Winteroffensive auf die deutschen Stützpunkte Mazar-i-Sharif, Kunduz und Faizabad im Norden Afghanistans an. Wieder war es Dadullah, der in einer Internet-Botschaft erklärte: "Unsere Operationen lodern in den südlichen Provinzen, und wir werden sie jetzt auch auf den Norden ausdehnen". Offiziere in Afghanistan erklärten daraufhin, dass die Bundeswehr bislang nie in einer "so konkreten Form" bedroht wurde und dass man die Botschaft von Dadullah sehr ernst nehme.
Selbsternannter Taliban-Kommandeur
Mansur Dadullah war einer der Taliban, die für den italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo freigepresst wurde. Der Kriegsreporter der Zeitung "La Repubblica" war im März 2007 von den Taliban gekidnappt und zwei Wochen festgehalten worden. Afghanistans Präsident Hamid Karzai entließ damals fünf gefangene Taliban im Austausch für den entführten Journalisten.
Im Juni 2007 ernannte sich Mansur Dadullah selbst zum Kommandeur der Taliban in Südafghanistan. Damit folgte er seinem Bruder Mullah Mohammed Dadullah, der im Mai nach monatelanger Jagd in der Provinz Helmand von Koalitionstruppen getötet worden war. Mullah Dadullah war für seine Brutalität bekannt, etwa wegen Metzeleien und Enthauptungen vor laufender Kamera.
Dass sein 35-Jähriger Bruder ihn als Militärchef der Taliban beerbte, wurde in Internet-Botschaften der Taliban oder vom ideologischen Taliban-Oberhaupt Mullah Omar, der seit Jahren im Untergrund lebt, allerdings nie offiziell bestätigt. Wie groß Dadullahs Einfluss wirklich war, ist deshalb schwer einzuschätzen. Durch zahlreiche kämpferische, auf Video festgehaltene Auftritte versuchte er vermutlich, seinen Einfluss bei den Taliban zu steigern.
Kinder als Selbstmordattentäter rekrutiert
In einem vom britischen Sender "Channel 4" ausgestrahlten Beitrag etwa rief Mansur Dadullah seine Mitstreiter zur wahllosen Entführung von Ausländern auf. Er bezeichnete Geiselnahmen als eine "sehr erfolgreiche Politik". Dadullah verkündete, er befehle allen Mudschaheddin, wo immer möglich, Ausländer jeglicher Nationalität zu entführen. Laut Channel 4 wurde das Interview im Sommer 2007 an einem unbekannten Ort aufgezeichnet.
Der Fernsehsender zeigte in dem Beitrag auch einen sechsjährigen Jungen, der von den Taliban nach Angaben des Senders zum Selbstmordattentäter ausgebildet werden sollte. "Wir wollen Kinder dazu nutzen, Ungläubige und Spione zu enthaupten, damit sie tapfer werden", sagte Dadullah in dem Beitrag.
Während der tagelangen heftigen Gefechte um die Rote Moschee im Juli 2007 zwischen radikalen Koranschülern und pakistanischen Sicherheitskräften in Islamabad rief Dadullah Muslime in der ganzen Welt dazu auf, Selbstmordanschläge auf die pakistanischen Sicherheitskräfte zu verüben. Die Erstürmung der Moschee sei ein grausamer Akt gewesen, erklärte er.
Westlicher Druck auf Pakistan
Möglicherweise fungierte Dadullah auch als Scharnier zwischen den Taliban und der Qaida: In einer Ansprache lobte er die hervorragenden Beziehungen zwischen den Taliban und dem Terrornetzwerk. "Wenn sie strategische Informationen haben, dann bekommen wir sie. Wenn wir etwas brauchen, helfen sie uns. Andersrum ist es ebenso", sagte Dadullah in seinem Webvideo. Offenbar genoss Dadullah das Vertrauen von Qaida-Führer Osama Bin Laden. In dessen vorletzter Videobotschaft Ende November letzten Jahres benannte Bin Laden Mansur Dadullah ausdrücklich als "Oberkommandierenden" der Taliban.
Wie groß Dadullahs Einfluss innerhalb und außerhalb der Taliban war, ist allerdings unklar. Seitens der religiösen Taliban-Führung genoss er offenbar keinen unbegrenzten Rückhalt: Ende Dezember setzten die Taliban Dadullah nach eigenen Angaben ab. Dadullah soll "Befehle missachtet" und gegen Regeln der Taliban verstoßen haben, hieß es zur Begründung. Der Milizenführer bestritt allerdings bis zuletzt seine Ablöse. Gegen ihn gebe es eine "Verschwörung" seiner Feinde, beschwor er gegenüber der Nachrichtenagentur AP.
Die Meldung von der Festnahme Dadullahs durch pakistanische Sicherheitskräfte kommt in einer Zeit wachsenden westlichen Drucks auf Islamabad, entschiedener gegen die von Pakistan aus agierenden Islamisten vorzugehen. In den vergangenen Wochen waren mehrere hochrangige CIA-Obere nach Islamabad gereist und hatten Pervez Musharrafs Regime Druck gemacht. Die Terroristenjäger sind unzufrieden über die bisherige Bilanz der pakistanischen Militärs im Kampf gegen die Nester der radikalen Islamisten. Experten erwarten deshalb vermehrt Schläge gegen Trainingslager und hochrangige Anführer.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Afghanistan-Krieg | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH