Von Marc Pitzke, New York
Doch auch das ist vorerst nur eine Prognose: Die tatsächliche Zahl der Nevada-Delegierten - laut CNN 13 für Obama und 12 für Clinton - wird erst beim Landesparteitag im April bestimmt. Weshalb die "New York Times" Nevada bisher noch gar nicht mitrechnet. Ebenso wie Alaska, Colorado, Idaho, Iowa, Minnesota, North Dakota und Maine, wo es ähnlich läuft.
"Auf diese Weise sollte man nicht mal einen Hundefänger wählen", schimpft Sheldon Gawiser, der Wahlchef von NBC News. "Geschweige denn einen Präsidenten."
Ach ja, die Super-Delegierten. Diese elitäre Kaste von Freiläufer-Delegierten, die es übrigens nur bei den Demokraten gibt, erschweren den Wahlbeobachtern zusätzlich das Geschäft.
Landesweit gibt es 796 davon: Parteifunktionäre und andere Würdenträger (darunter alle demokratischen Gouverneure und Kongressabgeordneten), die beim Parteitag abstimmen können, wie es ihnen beliebt. Egal, wen ihr Bundesstaat zuvor gewählt hat. Super-Delegierte sind unberechenbare Joker: Sie müssen sich nicht zu ihrer Entscheidung bekennen, können diese erst im letzten Moment fällen - und können ihre Meinung jederzeit ändern.
Erfunden wurden die Super-Delegierten 1982. Sie sollten künftig ein Debakel wie bei der Wahl 1980 verhindern, bei der sich die Basis zwischen den Kandidaten Jimmy Carter und Ted Kennedy zerfleischte und einen möglichen Wahlsieg gegen Ronald Reagan verschenkte.
Das Zünglein an der Waage
Super-Delegierte sollten jedoch immer erst im letzten Moment in Aktion treten, als Zünglein an der Waage, nachdem der Vorwähler seine Chance zur Mitsprache hatte. "Sie sollten nie ein Teil des Sprints von Iowa zum Super Tuesday und darüber hinaus sein", schrieb der Demokraten-Stratege Tad Devine, Chefberater von Al Gores Wahlkampf 2000, gestern in einem Essay für die "New York Times".
Aber genau das ist nun passiert. So knapp ist das Rennen, dass beide Kandidaten - und etliche Medien - jetzt schon Super-Delegierte mit einrechnen, so sich diese bekannt haben. Egal, ob deren Haltung noch völlig im Flux ist.
Zum Beispiel in Iowa, dem ersten großen Sieg von Obama. Dort ging es um 57 Delegierte, 12 davon Super-Delegierte. Einer davon wanderte inzwischen von "unentschlossen" zu Obama. Ein anderer von John Edwards, dem seither ausgestiegenen Drittkandidaten, zu Clinton.
So sind "Umfragen" unter Super-Delegierten, wie sie viele US-Medien veranstalten, relativ sinnlos. Laut "New York Times" hat Clinton derzeit 204 und Obama 99 Super-Delegierte in der Tasche. Laut AP sind es aber 213 zu 139. CBS ermittelte 211 zu 137, CNN 193 zu 106. Alle befragten übrigens die selben Personen.
Super-Berater kämpfen um das Votum der Super-Delegierten
Bisher galt es als schlechter Stil, so früh schon Superdelegierte unter Druck zu setzen. Hinter den Kulissen aber kämpfen beide Kandidaten längst erbittert um die Super-Stimmen. Für Clinton setzen sich dafür unter anderem Gatte Bill sowie Ex-Außenministerin Madeleine Albright ans Telefon. Für Obama der frühere Präsidentschaftskandidat John Kerry.
In Kalifornien berichtete eine Super-Delegierte neulich, sie habe drei Anrufe in Folge bekommen. Erst von Bill Clinton. Dann von Chelsea Clinton. Und dann von Hillary Clinton.
"Wir werden mit E-Mails bombardiert", sagt Donna Brazile, als Gores Ex-Wahlkampfchefin ebenfalls eine Super-Delegierte. Brazile weigert sich, schon jetzt kundzutun, hinter wem sie steht, und wirft den Kandidaten einen Missbrauch des Systems vor: "Wenn es zur Kampfabstimmung kommt, werde ich aus der Partei austreten."
Obama hat den weiteren Verlauf der Vorwahlen längst bis zum Parteitag austariert. In einem internen Spreadsheet-Memo, das vorige Woche an die Presse lanciert wurde, spielen seine Strategen mehrere Szenarien durch. Eines davon sieht ihn am Ende vorne - mit 1806 zu 1789 Delegierten.
Keines reicht für die Nominierung.
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