Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Ist Amerika also einfach nicht bereit für Hillary Clinton? Die Clintons gelten vielen Amerikanern als typische "Baby Boomer" der 68er-Generation: Intelligent, beeindruckend - aber moralisch nicht trittsicher und oft nur um sich selbst kreisend. Bill Clinton konnte diese Vorwürfe meist durch Charisma und Charme abmildern. Seiner Frau fehlen diese Eigenschaften. Journalisten-Legende Carl Bernstein hat in einer Biographie über Clinton präzise nachgezeichnet, wie diese beim Anlauf für die Gesundheitsreform zu Beginn der neunziger Jahre mit ihrer Sachkenntnis beeindruckte. Doch Kompromissfähigkeit kannte sie nicht.
Bald sah sie nur noch Freund und Feind und scheiterte grandios, analysiert Bernstein. Auf Kritik und Vorwürfen reagiert Hillary Clinton gern mit Frontalangriffen - wie bei ihrer berühmten These von der "rechten Verschwörung", mit der sie Skandale wie den um Monica Lewinsky aggressiv stoppen wollte.
"Sie lügen mit einer Leichtigkeit, die atemberaubend ist", wirft Hollywood-Mogul David Geffen den Clintons vor. Er hat das Ehepaar lange mit Millionenbeträgen unterstützt - ist aber in Obamas Lager gewechselt. Dessen Wahlkampf-Slogan, er wolle die Schlachten der neunziger Jahre nicht noch einmal schlagen, greift diese Stimmung geschickt auf. Je lauter nun wieder der Hass auf Clinton artikuliert wird, desto besser läuft es für Obama.
Er tritt als Versöhner auf und schleppt keinen Balllast politischer Grabenkämpfe mit sich herum. Durch ihren aggressiven Wahlkampfstil hat Clinton den Kritikern zudem neues Futter geliefert.
Selbst viele Demokraten wundern sich, wie heftig sie und ihr Ehemann Barack Obama persönlich angehen. Das Bild der harten Machtpolitikern verschärft dies nur - und den Eindruck, sie werde gegen einen moderaten Republikaner wie John McCain eher verlieren als Obama.
Drew Westen, Psychologieprofessor in Atlanta und Autor eines gefragten Buches über Gefühle im Wahlkampf, rät Clinton zu einer ganz anderen Strategie. "Sie ist eine gute Mutter, die allem Anschein nach eine tolle Tochter großgezogen hat", sagte Westen SPIEGEL ONLINE. "Aber sie strahlt keine Wärme aus, nur Kompetenz. Sie müsste in eine Diskussion mit dem amerikanischen Volk darüber eintreten, warum viele sie nicht mögen."
Die Bewerbern dagegen versucht eher, aus der Not eine Tugend zu machen. Gestern sagte sie erneut, sie sei kampfgestählt und schrecke vor keiner Schlacht zurück.
Ihre PR-Helfer flüstern in diesen Tagen eifrig, Obama sei für die Attacken der Republikaner nicht gewappnet. Das wird sich schon bald herausstellen. Gestern verschickte der sogenannte Forschungsdienst der Republikanischen Partei, der Journalisten täglich mit Hinweisen auf angebliche Torheiten der demokratischen Bewerber überschüttet, einen Strom aufgeregter E-Mails.
Alle drehten sich nur noch um den neuen Spitzenreiter Barack Obama.
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