SPIEGEL ONLINE: Herr Yazicioglu, was ist für Sie der Unterschied zwischen Integration und Assimilation?
Yazicioglu: Wer sich assimiliert, verliert seine Identität, sein Wesen, seine Sprache und seinen Glauben - er entfremdet sich von seinem eigenen Ich. Integration hingegen heißt für mich, seine eigene Kultur zu bewahren, aber auch die Sprache und Verhaltensweisen des Gastgeberlandes zu erlernen. Von so einem Miteinander können Gesellschaften nur profitieren, sie gewinnen an Vielfalt.
SPIEGEL ONLINE: Müssen denn die Türken in Deutschland befürchten, ihre Kultur zu verlieren? Eine solche Sorge scheint ja Premierminister Recep Tayyip Erdogan angetrieben zu haben, als er vor der Assimilation als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gewarnt hat.
SPIEGEL ONLINE: Was also fordern Sie - dass die türkischen Jugendlichen in Deutschland zuerst richtig Türkisch und dann Deutsch lernen?
Yazicioglu: Ja, das ist sehr wichtig - und ein Problem, das die erste Generation der Auslandstürken viel zu spät verstanden hat. Es hat eine Weile gedauert, um zu kapieren, wie wichtig es ist, die Sprache seiner Gastgeber vernünftig zu beherrschen. Es mag ja sein, dass sich in letzter Zeit der Sprachunterricht für die Türken verbessert hat, aber die Gesamtsituation ist immer noch unbefriedigend. Ich plädiere sehr dafür, dass sich die türkischen Eltern stärker um die Ausbildung ihrer Kinder kümmern. Aber es gibt auch Hindernisse im deutschen Bildungssystem, da sehe ich wenig Chancengleichheit für die türkischen Jugendlichen.
SPIEGEL ONLINE: Sprechen wir über Ludwigshafen. Die türkischen Medien haben sehr schnell von Neonazis, von rassistisch motivierten Brandstiftern gesprochen, ohne eindeutige Belege zu haben. Haben Sie Verständnis für diese Panikmache?
Yazicioglu: Nun, nach der Brandkatastrophe konnten durchaus verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen werden. Es ist sicher nicht richtig, über Neonazis zu spekulieren, ohne die Untersuchungsergebnisse abzuwarten. Man muss die Ermittlungen jetzt möglich schnell zum Abschluss zu bringen. Solange die Ursachen nicht bekannt sind, werden Sie von beiden Seiten noch lange hypothetische Erklärungen bekommen, das liegt in der Natur der Sache. Wenn die Ermittlungen ein Stück weit beschleunigt würden, hätten Sie sicher weniger Spielraum für Spekulationen.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben in Ludwigshafen zu einem "Neubeginn der deutsch-türkischen Freundschaft" aufgerufen. Was lief denn falsch bisher?
Yazicioglu: Ich hatte meinem Wunsch Ausdruck verliehen, dass wir nach den schrecklichen Ereignissen einen wirklichen Neuanfang in unseren Beziehungen starten sollten. Wir haben in der Vergangenheit zu viele Fehler gemacht. Insbesondere die Ereignisse des 11. Septembers sind meines Erachtens übereilt analysiert worden. Inzwischen haben wir es mit einer regelrechten Islamophobie zu tun - und parallel dazu wurde in manchen Ländern die Ausländerfeindlichkeit geschürt. Das Thema wurde ja auch von der Politik ausgeschlachtet und für bestimmte Zwecke missbraucht. Dabei wird mir doch jeder vernünftige Mensch beipflichten, dass diese Eskalation letztlich niemandem genützt hat. Wenn man zum Beispiel den Islam mit Gewalt gleichsetzt oder die Türken als Störfaktor darstellt und damit die Gesellschaft in Aufruhr versetzt, hat niemand etwas davon. Hier müssen beide Seiten künftig viel mäßigender auftreten.
SPIEGEL ONLINE: Viele in Deutschland lebende Türken haben etwa den hessischen CDU-Wahlkampf als ausländerfeindlich empfunden.
Yazicioglu: Beide Regierungen sollten künftig Haltungen unterstützen, die das Klima zwischen unseren Ländern entspannen. Das betrifft aber nicht nur die Regierung, sondern die gesamte Zivilgesellschaft. Noch einmal: Eine Polarisierung und Verhärtung der Positionen nützt niemandem.
SPIEGEL ONLINE: Was wird denn passieren, wenn die Brandkatastrophe von Ludwigshafen doch einen rassistischen Hintergrund hat?
Yazicioglu: Das wäre sehr gefährlich. Weitere Anschläge könnten folgen, unsere Gesellschaften würden sich noch weiter voneinander entfernen. Auch die Türken könnten die falschen Schlussfolgerungen ziehen und sich abschotten. Es gäbe eine Menge Schwierigkeiten, die ich mir gar nicht vorstellen möchte.
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