• Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.02.2008
 

Integration in Deutschland

"Angst vor dem Islam facht Türkenfeindlichkeit an"

2. Teil: "Ich möchte nicht, dass die Auslandstürken ein Fremdkörper in ihren Gastgebergesellschaften bleiben"

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich eigentlich, dass es in jüngster Zeit immer wieder zu Missverständnissen zwischen Deutschen und Türken kommt?

Yazicioglu: Traditionell sind unsere Beziehungen sehr gut. Aber wie ich schon sagte: Die Entwicklungen nach dem 11. September haben die westlichen und östlichen Gesellschaften in vielerlei Hinsicht polarisiert und einander entfremdet. Es gibt Menschen, die Gewalt im Namen des Islam ausüben, aber das heißt ja nicht, dass der Islam die Gewalt schüren würde. Entsprechende Analysen sind sehr rassistisch, und sie prägen die Vorstellungen einer überwiegend christlichen Gesellschaft zu ihren muslimischen Minderheiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben tatsächlich, dass das deutsch-türkische Verhältnis daran leidet, dass die Deutschen Angst vor dem Islam haben?

Yazicioglu: Doch, das ist einer der Faktoren. Meines Erachtens wurde auch dadurch die Türkenfeindlichkeit angefacht. Ich möchte aber betonen, dass der deutsche Staat insgesamt sehr verantwortlich auftritt. Die große Mehrheit unserer türkischen Landsleute kann in Deutschland in Frieden ihren Glauben leben, es gibt genügend Gotteshäuser für sie. Darüber hinaus sollten wir vorurteilsfrei nach allen anderen Ursachen forschen, die zu Spannungen zwischen Deutschen und Türken führen können.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie das als Ihre Aufgabe? Braucht es dafür einen Staatsminister für Auslandstürken? Sie sind immerhin der Erste in der Türkei, der einen solchen Posten bekleidet.

Yazicioglu: Mein Aufgabenbereich umfasst nicht nur die in Deutschland lebenden Türken, sondern die Türken in aller Welt, auch diese haben bestimmte Schwierigkeiten. Das sind aber beileibe nicht nur kulturelle Probleme. Wir möchten ganz einfach dazu beitragen, dass sich unsere Landsleute im Ausland nicht im Stich gelassen fühlen, dass sich jemand um ihre Probleme kümmert.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie das präzisieren?

Yazicioglu: Ich möchte zum Beispiel, dass unsere Landsleute die Sprache der Gesellschaft lernen, in der sie leben. Ich möchte sie auch unterstützen, ihre Chancen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt wahrzunehmen. Ich möchte ganz einfach nicht, dass die Auslandstürken ein Fremdkörper in ihren Gastgebergesellschaften bleiben, sondern dass sie diese Gesellschaften bereichern, ohne dabei ihre kulturellen Wurzeln aufzugeben. Das verstehen wir unter Integration. Dafür fühle ich mich zuständig.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Kölner Rede des Premierministers wurde kritisiert, dass der türkische Staat mit seiner eigenen größten Minderheit, den Kurden, keineswegs so gleichberechtigt umgehe, dass er sie nicht zu integrieren, sondern zu assimilieren versucht.

Yazicioglu: Das ist falsch. Die Kurden leben bei uns unter gleichen Bedingungen. Sie dürfen längst ihre eigene Sprache sprechen, ihre eigenen Lieder singen. Es gibt Kurdischkurse in ganzem Land. Die Kurden beteiligen sich an allen politischen und wirtschaftlichen Aktivitäten, sie sind im Parlament vertreten, im Kabinett, überall. Wir haben so ein Problem nicht.

Das Interview führte Daniel Steinvorth

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP