Aus Pristina berichtet Alexander Schwabe
Pristina - Die Zufahrt ins Regierungsviertel in Pristina ist gesperrt. Das Taxi muss einen Umweg machen, der Weg ins Zentrum führt heute über die "Bill-Clinton-Straße". Die Popularität des US-Präsidenten, der 1999 für 78 Tage Luftangriffe der Nato gegen Serbien fliegen ließ, kennt hier keine Grenzen.
Albanisch-amerikainsch-europäischer Jubel im Kosovo: "Wir danken allen, die die Unabhängigkeit unterstützen"
Beim Namen Clinton geraten die Kosovo-Albaner aller Generationen ins Schwärmen. Florie Bahtiri etwa, eine Kauffrau in Pristina, führt sich drei Finger an die Lippen und simuliert einen Kuss. "Clinton ist der Beste", sagt sie, "und Bush ist auch nicht schlecht". In Pristina gibt es sogar einen "Verein der Freunde Bill Clintons". Dieser hat in der Stadt plakatiert: "Wir danken allen, die die Unabhängigkeit unterstützen."
Dass sich das Kosovo nun in einer völkerrechtlich umstrittenen Aktion für unabhängig erklärt hat, schreibt der Großteil seiner Bewohner - rund 92 Prozent sind Albaner, gut fünf Prozent Serben - dem aktuellen und dem vorigen US-Präsidenten zu. Clinton-Nachfolger George W. Bush hatte den Druck auf die internationale Staatengemeinschaft im vergangenen Jahr gegen den Widerstand Moskaus erhöht. Nach seiner Teilnahme vergangenen Sommer am G-8-Gipfel in Heiligendamm war er nach Albanien gereist und versprach den Kosovo-Albanern von Tirana aus die Unabhängigkeit noch im laufenden Jahr.
Bush wollte Fakten schaffen statt einen endlosen Dialog über die Zukunft der südserbischen Provinz fortzuführen. "Eher früher als später muss gesagt werden: Genug ist genug, der Kosovo ist unabhängig", so der US-Präsident. Leicht verschmerzen dürften die Kosovaren, dass die Unabhängigkeit, die nach dem Plan des finnischen Uno-Vermittlers Martti Ahtisaari nur eine bedingte ist, nun mit ein paar Wochen Verspätung gekommen ist.
Das zeigt schon die überschwängliche Freude, mit der sie die Supermacht feiern. An vielen Häusern ist die albanische Fahne - schwarzer Adler auf rotem Grund - geflaggt. Und fast genauso häufig ist die US-Flagge zu sehen. Die neue kosovarische Fahne - sechs Sterne auf blauem Grund mit dem Umriss des Landes - ist noch nicht zu sehen.
An vielen Autos flattert am einem Kotflügel die rote Fahne mit dem Adler und am anderen die Stars and Stripes. Wenn man nicht wüsste, dass man sich mitten auf dem Balkan befindet, könnte man den Eindruck haben, hier stimmt ein Gebiet demnächst darüber ab, ob es als 51. Bundesstaat den USA beitritt.
Dabei waren die USA keinesfalls immer Patron der Zwei-Millionen-Provinz in Südserbien. Auf der Friedenskonferenz von Dayton/Ohio 1995, bei der es wenige Monate nach den Massakern von Srebrenica mit mindestens 8000 Toten um die Befriedung Bosniens ging, wurde das Kosovo-Problem so gut wie ausgeklammert. Das Drängen Ibrahim Rugovas, von Hause aus Shakespeare-Forscher und seit 1992 Präsident der Gegenregierung "Republik Kosova", das Kosovo auf die Tagesordnung der Friedensgespräche zu nehmen, wurde in Washington lange ignoriert.
Aus "Terroristen" wird eine "Befreiungsarmee"
Die große Wende in der amerikanischen Haltung kam erst Ende der neunziger Jahre. Untrügliches Zeichen für den Gesinnungswandel: Die CIA stufte die Kosovo-Kämpfer der UCK, die in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre zunehmend in Erscheinung trat, plötzlich als Befreiungsarmee ein. Bis 1998 firmierte sie beim US-Geheimdienst als terroristische Vereinigung. Robert Gelbhard, damals amerikanischer Hauptvermittler für den Balkan, bezeichnete die UCK noch im Februar 1998 abfällig als "eine kleine irrelevante Terrorgruppe".
Zudem schlugen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch immer öfter Alarm. Albaner aus dem Kosovo wurden von der serbischen Staatsmacht zu Tausenden schikaniert und misshandelt. Serbiens Diktator Slobodan Milosevic hatte bereits 1988 bis 1990 die Autonomie des Kosovo faktisch aufgehoben und ein Apartheitsregime errichtet. Am 28. Juni 1989 - genau 600 Jahre nach der verlorenen Schicksalsschlacht gegen die Osmanen - kündigte er vor rund einer Million serbischer Nationalisten auf dem Amselfeld, nur wenige Kilometer nördlich von Pristina gelegen, an, "vielleicht auch" bewaffnet gegen die albanische Bevölkerung des Kosovo vorzugehen.
Der Diktator hielt Wort. Im März 1998 schlug Milosovic zu. Die Politik der ethnischen Säuberung drohte nun auch dem Kosovo. Massive Militärschläge gegen die vorwiegend ländliche Zivilbevölkerung und gegen die UCK sollten der Bevölkerung des Kosovo den Garaus aus. Im Oktober desselben Jahres wurden bereits 330.000 Vertriebene gezählt. Die Flüchtlingstragödie betraf ganz Europa; allein Deutschland hatte nach den Worten des damaligen Außenministers Klaus Kinkel (FDP) rund 140.000 Kosovo-Albaner aufgenommen.
Auch EU-Flaggen sind zu sehen
Alle Vermittlungsversuche zwischen Serben und Kosovo-Albanern scheiterten, zuletzt im Februar 1999 in Rambouillet. Die Zeit fressenden diplomatischen Bemühungen nutzte Milosevic ein ums andere Mal dafür aus, noch härter gegen die UCK vorzugehen. Am 24. März griff die Nato unter dem Oberkommandierenden Wesley Clark, der im Kosovo wie Clinton als Held verehrt wird, an. Zunächst mit vier "Tornado"-Kampfflugzeugen beteiligte sich die Bundeswehr erstmals militärisch bei einem Nato-Kampfeinsatz. Ihr Ziel: die Schwächung der serbischen Luftabwehr.
Im Juni - nach 48 Tagen Bombardement - stellte das Transatlantische Bündnis nach einem Abkommen mit dem zurückgedrängten Jugoslawien die Angriffe ein. Seither steht es auf der Grundlage der Resolution 1244 des Weltsicherheitsrates als Schutzmacht mit derzeit rund 16.000 Soldaten aus 37 Nationen, darunter 2800 Deutschen, im Kosovo.
Doch der Friede war fragil. Im März 2004 kam es zu schweren Unruhen, als ein Junge nahe der ethnisch gespaltenen Stadt Mitrovica ertrank. Landesweit kam es zu Aufständen der Albaner, die sich gegen die serbische Minderheit im Kosovo richteten. Elf Kosovo-Albaner und acht Serben kamen dabei um, 900 Menschen wurden verletzt. Hunderte Häuser von Serben, Aschkali und Roma brannten nieder. Rund 4000 Menschen waren auf der Flucht. Als Reaktion darauf stockte Deutschland sein Kontingent vorübergehend auf 3800 Soldaten auf.
Auch dessen sind sich die Kosovaren bewusst: Dass der Kampf gegen Milosevic keineswegs ein amerikanischer Alleingang war. In den Straßen von Pristina ist daher vereinzelt auch die deutsche Flagge zu sehen, zudem der Union Jack und häufiger die EU-Flagge.
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