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Phänomen Obama Kritiker knöpfen sich den Teflon-Kandidaten vor

2. Teil: Obama scheut Konfrontation und reagiert selbst auf rassistische Attacken bisher nur träge.

Die Erfahrungslücke ist kein neues Argument. Sie war immer schon Clintons Hauptstrategie, um sich gegen Obama zu profilieren. Sie sei die Macherin im "Geschäft der Lösungen" - Obama dagegen nur ein schönredender Frischling. Clinton beharrt auf diesem Kurs. Obwohl die Wähler ihn in nunmehr elf Vorwahlen hintereinander abgelehnt haben.

Doch andere Kolumnisten glauben inzwischen, dass hinter Obamas Teleprompter-Reden mehr steckt als nur Wortgeklingel. Sein Wahlprogramm "Blueprint for Change" ist ein cleveres Remake linksliberaler Evergreens fürs 21. Jahrhundert: 64 Seiten an fotofreiem Text, darunter ein elfseitiger Energie- und Umweltplan, ein 15-seitiger Plan zur Gesundheitsreform (samt 65 Fußnoten) und eine 40-Seiten-Wirtschaftsagenda.

Clintons "Economic Blueprint" dagegen hat insgesamt 13 Seiten - inklusive sieben großer Farbfotos von ihr.

Wirtschaftskolumnist Steven Pearlstein von der "Washington Post" urteilt über Obama: "Von der Substanz wie auch vom Stil her ist er der eindrucksvollste Präsidentschaftsbewerber seit langem. Kaum eine Idee ist lächerlicher als die Idee, er sei nur eine Luftnummer." Schon dass er einmal Präsident der renommierten Harvard-Juristenzeitschrift "Harvard Law Review" war - "verglichen mit dem derzeitigen Führer der freien Welt ist dieser Kerl ein Albert Einstein."

Bei seinen Auftritten geht Obama selten ans Eingemachte, und auch die bisher 20 Fernsehdebatten behandelten die Programme nur oberflächlich. Doch in diesen Debatten behauptete sich der scheinbare Anfänger fachlich nicht nur gegen Clinton. Sondern auch gegen einen Ex-Uno-Botschafter (Bill Richardson), einen Anwalt (John Edwards) und den Chef des Auswärtigen Senatsausschusses (Joe Biden).

Obamas rhetorisches Talent, die Leute zu inspirieren, wird politisch oft unterschätzt. Ein US-Präsident ist mehr als ein Richtlinien-Kanzler - er muss die Volksseele berühren. Ohne dieses Charisma wären auch John F. Kennedy und Bill Clinton nie ins Amt gelangt.

Potentielle Tretminen in der Vergangenheit

Obamas Reden zitieren sehr geschickt Mythen der US-Politik: den Aufbruch, den Kampf gegen das Establishment. Zugleich schlägt sein Stil die Brücke zu den Jungwählern: "Er verkörpert die Geisteshaltung und Aspirationen meiner Generation", schreibt "Newsweek"-Blogger Andrew Romano, 25. Es ist eine ausgetüftelte, magnetische Mischung.

Flankiert werden die Reden von einer fulminanten, hochprofessionellen Wahlkampf-Operation. Sie ist viel besser als die legendäre Clinton-Maschine, stellt sich jetzt heraus. Obama gibt seine Abermillionen viel gezielter und geschickter aus als Clinton. Darunter bisher allein 40 Millionen Dollar für Image-Berater und Demoskopen. Alles perfekt durchdacht also - von Luftnummer keine Spur.

Obamas Probleme in einem späteren Wahlkampf gegen McCain lauern woanders. Er scheut Konfrontation und reagiert selbst auf rassistische Attacken bisher nur träge. Sein Selbstbewusstsein grenzt an Arroganz. Gattin Michelles Mundwerk ist ein PR-Risiko. Und in seiner Vergangenheit schlummern heikle Details. Etwa ein Grundstücksdeal mit dem Immmobilienhai Tony Rezko, der ab Montag in Chicago wegen Bestechung vor Gericht steht.

Obama hat das zwar schon als "Fehler" bereut. Doch der ermittelnde Staatsanwalt ist Patrick Fitzgerald - derselbe, der Dick Cheneys Vize-Stabschef "Scooter" Libby im Outing-Skandal um die CIA-Agentin Valerie Plame fast hinter Gitter beförderte (US-Präsident Bush sorgte für Haftverschonung). Mit Fitzgerald ist nicht zu spaßen.

"Stelle den Wahlkampf ein"

Auch Obamas Karriere im Kongress ist noch kaum geprüft - er hat dort einen ziemlich scharfen Linkskurs. Dan Balz ("Washington Post") hat dazu eine ganze Litanei unbeantworteter Fragen: Was sind seine wahren Prioritäten? Was denkt er über Haushaltsdefizite und fiskalische Disziplin? "Wäre ein Präsident Obama bereit, nicht als der Linksliberale zu regieren, der er in Illinois und im US-Senat war, um die Politik in Washington zu ändern, wie er es verspricht?"

Doch seine Siege und seine Aura überstrahlen derzeit alles. Nur klare Gewinne in Ohio und Texas am Dienstag könnten Clinton noch retten. Das sagt selbst deren Ehemann. In dem Fall würden die Karten wieder neu gemischt.

Viele haben diese Hoffnung aufgegeben. "Obama ist der Kandidat", proklamierte der einflussreiche Demokraten-Blog "Daily Kos". Und Richard Cohen, Kolumnist bei der "Washington Post", hat nur noch einen letzten Rat an Clinton: "Stelle den Wahlkampf ein."

Korrektur: In diesem Text hat die Redaktion fälschlicherweise folgende Zitate auf Barack Obama bezogen: "Der Kandidat sei ein Grünschnabel, eine Luftnummer. Ein Mann der schönen, doch leeren Rhetorik. Charismatisch, doch zu jung, zu ungetestet, die großen Fragen der Zeit zu meistern: Keine Erfahrung in der Außenpolitik, so gut wie keine in Washington, Mangel an Erfahrung, Tendenz zu Ausflüchten, unerfahren, unvorbereitet".

Tatsächlich bezogen sich diese Zitate auf den jungen Bill Clinton während des Wahlkampfes 1992.

Die entsprechenden Stellen wurden korrigiert, wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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