Berlin - Bei einer Serie von israelischen Luftangriffen im Gaza-Streifen sind heute mindestens zwölf Palästinenser getötet worden. Darunter waren auch vier Jugendliche und der Sohn eines Führers der islamistischen Organisation Hamas, die vor acht Monaten die alleinige Herrschaft im Gazastreifen übernommen hat. Seit Mittwoch kamen damit bei israelischen Angriffen 23 Menschen im Gazastreifen ums Leben, dabei auch ein sechs Monate altes Baby.
Militante Palästinenser feuerten unterdessen allein am Donnerstag wieder zehn Raketen auf den Süden Israels, zwei Menschen wurden dabei leicht verletzt. Tags zuvor war bei einem Raketenangriff ein Bewohner der israelischen Stadt Sderot ums Leben gekommen. Zu diesem Angriff bekannte sich die Hamas.
In Israel wird befürchtet, dass die Hamas noch in diesem Jahr Raketen entwickeln könnte, die 20 Kilometer weit reichen und dann auch die mehr als 100.000 Einwohner zählende Küstenstadt Aschkelon treffen könnten. Wie die israelische Polizei mitteilte, erreichen auch schon jetzt manchmal eingeschmuggelte palästinensische Raketen fast die Stadt. Allein am Mittwoch wurden mindestens 40 Raketen auf israelisches Gebiet abgeschossen. Filmaufnahmen der Nachrichtenagentur AP zeigen, wie Raketen aus einem dichtbesiedelten Gebiet im Norden des Gazastreifens abgeschossen werden.
Die Hamas sagt, ihre Angriffe seien Vergeltung für den Tod mehrerer Führungsmitglieder. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert hatte angekündigt, dass die Terroristen für den Raketenangriff einen "hohen Preis" bezahlen werden. "Wir befinden uns auf dem Höhepunkt der Schlacht", sagte er. Olmert stellte bei einem Treffen mit US-Außenministerin Condoleeza Rice in Tokio auch den Nahost-Friedensprozess in Frage. "Der ständige Abschuss von Kassam-Raketen auf unschuldige Zivilisten gefährdet die Sicherheit in hohem Maße", sagte er.
50 selbstgebastelte Geschosse hatten die Kassam-Brigaden - ein militärischer Flügel der Hamas - am Vortag auf die Kleinstadt Sderot und ihre Umgebung im Süden Israels abgefeuert. 50 Kassam-Raketen von 400, mit denen die Hamas seit Anfang des Jahres aus dem Gazastreifen auf israelische Grenzstädte beschießt. 50 Raketen von 4000, seit vor fast acht Jahren die Zweite Intifada begonnen hat.
Hamas feiert die getöteten Bombenbauer als Märtyrer
Die Hamas sagt, dass sie mit ihren Raketen Rache nehme für die Angriffe israelischer Kampfflugzeuge, die täglich über Gaza kreisen und auf Palästinenser schießen. Hunderte Mitglieder der Kassam-Brigaden seien bereits gefallen im Kampf gegen Israel. Die Hamas veröffentlicht die Namen ihrer "Märtyrer" im Internet, mit Foto.
Die meisten der primitiven Raketen verfehlen zwar ihr Ziel, aber manche treffen doch. Und so wurden in den Grenzgebieten zum Gazastreifen zahlreiche Israelis getötet, verwundet, traumatisiert. Die Geschosse baut die Hamas selbst, aus Stahlrohren und selbstgefertigtem Sprengstoff. "Die Raketen fliegen weiter und treffen ihr Ziel immer besser", freut sich die Organisation auf ihrer Homepage. Und die Hamas feuert immer öfter.
Die Israelis konnten den Raketenbeschuss bislang nicht stoppen. Nicht mit Soldaten, Panzern, Gewehren, Flugzeugen, Boykotten, nicht mit totaler Abschottung. Doch seit dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Gaza-Streifen sind mehr Raketen auf Sderot niedergegangen als je zuvor.
Die Bewohner führen ein Leben im 15-Sekunden-Takt. 15 Sekunden vergehen vom Alarm "zeva adom" bis zur Explosion. 15 Sekunden, um ein Leben zu retten. Anschnallen im Auto ist hier verboten. Es muss schnell gehen. Duschen, wenn niemand sonst im Haus ist? Geht nicht, man könnte ja die Sirene überhören.
Israel ist gespalten: einmarschieren oder verhandeln?
"Wir müssen die Gebiete vollständig zerstören, in denen die Kassam-Brigaden wohnen", verkündet der israelische Innenminister Meir Scheetrit. Die meisten Menschen in Sderot sehen es genauso. "Sollen die da drüben doch genauso leiden wie wir hier", sagen sie dort.
Der Druck auf den israelischen Premier Ehud Olmert wächst. Seit dem Putsch gegen die Fatah regiert die Hamas allein im Gaza-Streifen. Die israelische Armee solle endlich einmarschieren und den militanten Palästinensern das Handwerk legen, fordern viele. Die Armee ist bereit für den Einsatz in Gaza, seit Wochen blockiert sie den Küstenstreifen und fliegt Luftangriffe auf Gaza.
Doch die Stimmung kippt. Mittlerweile sind laut einer Umfrage der Tageszeitung "Haaretz" 64 Prozent der Israelis dafür, mit der Hamas zu sprechen. Avi Dichter, Minister für Innere Sicherheit in Israel, spricht erstmals von einem Politikwechsel: "Wer auch immer fordert, den Gazastreifen wieder zu besetzen, ist ein Populist und meiner Meinung nach ein dummer Mensch", sagt er. Auch mit einem Einmarsch könne der Beschuss von Kassam-Raketen nicht gestoppt werden.
cvk, Reuters, dpa, ap
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH