Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Auch wirtschaftlich sind die beiden Nachbarländer aufeinander angewiesen: Venezuela bezieht die meisten Lebensmittel aus Kolumbien. Ohne die Arbeitskraft der kolumbianischen Immigranten wäre der Ölstaat wirtschaftlich am Ende: Wenn überhaupt etwas in dem relaxten Karibikstaat funktioniert, ist das meistens einem fleißigen Kolumbianer zu verdanken.
Dennoch ist nicht auszuschließen, dass Chávez sich in ein militärisches Abenteuer stürzt: Er ist Soldat und denkt in militärischen Kategorien. Zu gern würde er als Märtyrer in die Geschichte eingehen.
Es wäre nicht das erste Mal, dass es in Lateinamerika zu einem Waffengang kommt: 1995 führten Grenzstreitigkeiten zwischen Peru und Ecuador zu Scharmützeln an der grünen Grenze im Amazonasgebiet; auch der anachronistische Falklandkrieg ist vielen Latinos noch in bester Erinnerung.
Die großen Länder sollen vermitteln
Gefragt sind jetzt die großen Regionalmächte Mexiko, Argentinien und Brasilien. Vor allem Brasiliens Präsident Luis Inácio "Lula" da Silva muss jetzt unter Beweis stellen, dass er in Krisensituationen zum Friedensstifter taugt. Am Sonntag liefen die Telefondrähte zwischen Brasília und Buenos Aires heiß, offenbar will Lula sich mit Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner abstimmen. Auch Mexikos Präsident Felipe Calderón hat sich als Vermittler angeboten.
Für die Geiselkrise könnte der Tod Reyes' entgegen aller Befürchtungen dagegen einen positiven Effekt haben: Reyes galt als Hardliner im Farc-Sekretariat. Kolumbianische Experten lasten ihm vor allem an, dass sich die Farc bislang gegen Zugeständnisse für ein humanitäres Abkommen zum Gefangenenaustausch sperrt. Jetzt wird womöglich der Comandante "Iván Márquez" Reyes' Position übernehmen, der angeblich eher zu Konzessionen bereit ist.
Am Sonntag veröffentlichte die Farc jedenfalls ein Kommuniqué, das die besorgten Familienangehörigen der Geiseln beruhigen soll: Der Tod Reyes', so heißt es da, werde die Verhandlungen über ein humanitäres Abkommen nicht beeinflussen.
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