Aus San Antonio, Texas, berichtet Marc Pitzke
San Antonio - Eine Kulisse wie bei einer Krönungsfeier. Die nächtliche Monumentalfassade des Municipal Auditoriums, einer Konzerthalle von 1926, ist in Flutlicht getaucht. Davor eine Open-air-Bühne mit Rednerpult und Teleprompter. Und diesmal gleich zwei Pressetribünen, zum Biegen besetzt. Gigantische Lautsprecher sollen die Worte des Kandidaten durch die Innenstadt tragen. Barack Obama hat an nichts gespart bei seiner Vorwahlparty in San Antonio. An alles ist gedacht, selbst an die Katastrophe: Dutzende Secret-Service-Agenten stehen in den dunklen Torbögen, oben auf den Ziertürmen starren Scharfschützen durch Suchferngläser in die Nacht.
Eine Siegesfeier soll das hier werden. Eine Art vorgezogene Amtsvereidigung, nachdem der Rivalin der Todesstoß versetzt worden ist.
So hat er sich das gedacht. Doch es kommt anders.
Zu Fanfaren kündigt ein Ansager "die nächste First Lady" und "den nächsten Präsidenten" an. Die übliche Grußformel wirkt angesichts der Szenerie grotesk, übertrieben. Alle wissen, dass das nun doch nicht so schnell gehen wird, wie sie es sich erhofft haben. Hillary Clinton hat zu diesem Zeitpunkt bereits Ohio und Rhode Island gewonnen und sich zur Siegerin des Abends erklärt. Obama hat einen Pflichtsieg in Vermont herausgeholt. Texas ist zu dem Zeitpunkt noch offen - aber auch die Primarys in diesem Staat wird Clinton für sich entscheiden. Und dann wird sie, am Morgen danach, in einem Interview sagen, man könne ja im Duo um die Präsidentschaft kämpfen. "Das könnte die Richtung sein, in die sich alles bewegt", sagt Clinton auf eine Frage eines CBS-Moderators. Die Wähler müssten natürlich entscheiden, wer an der Spitze stehen solle, und, fügt sie hinzu: "Ich denke, die Menschen in Ohio haben klar gesagt, dass ich das sein sollte."
Clinton prescht vor, versucht, eine Dynamik aus ihren Siegen dieser Nacht aufzubauen. Die nächste Vorwahl ist in Wyoming am Samstag, dann in Mississippi in einer Woche, und am 22. April folgt Pennsylvania - der wichtige Wechselwählerstaat. Mindestens solange hat sie Zeit, den Obama-Trend zu drehen. Die Kandidaten stehen vor weiteren anderthalb Monaten Kampf.
Und was tut Obama?
In dieser Nacht in San Antonio ist nicht zu überhören, wie sehr ihn das Wahlergebnis aus dem Konzept bringt. Er wirkt grimmig, trotzig, irritiert. Seine Sätze sollen Durchhaltewillen bekunden.
Ein paar hundert Schaulustige nur drängen sich in einem Gehege vor der Bühne - ein Bruchteil des üblichen Publikums, den Reportermassen zahlenmäßig weit unterlegen. Brav schwenken sie ihre "Change"-Schilder und üben ihren Schlachtruf: "Yes, we can!" Doch ihre Stimmen, die sich in den Sälen von Iowa, South Carolina und Illinois so gut multipliziert haben, verhallen in der Weite des Platzes. Als Obama am späten Abend aus dem Dunkel dramatisch ins Licht tritt, Gattin Michelle an der Hand, klingt der Jubel seiner Fans so gedämpft, dass die Tontechnik ihn schnell per Lautsprecher verstärkt. Ein Vogelschwarm flattert protestierend in den Nachthimmel.
Als er spricht, ist das Ergebnis in Texas noch nicht klar, was soll er also sagen? "Wie geht's, Texas?", ruft Obama. "Danke!" Er gratuliert Clinton, dann gibt er das Motto der Stunde aus: "Egal, was heute Abend passiert, wir sind auf dem Wege, diese Nominierung zu gewinnen."
Es klingt blass. Typisch Politiker. Es klingt wie etwas, das sonst Clinton gesagt hätte. Vor der geradezu sträflich überheblichen Kulisse muss Obama eingestehen, dass er doch nur ein Sterblicher ist. Das Eingeständnis findet sich zwischen den Zeilen. Plötzlich sagt er nicht mehr: "Als Präsident werde ich ..." Er sagt: "Falls ich der Kandidat dieser Partei werde ..."
Große Bühne, kleiner Auftritt - die Szene in San Antonio krönt die bisher brutalste Vorwahlrunde. Obamas Anhänger hatten sich erträumt, dass das hier seine Nacht wird. Dass er Clinton mit einem Doppelsieg in den Großstaaten Texas und Ohio kaltstellt. Doch die Erwartungen waren hoch gesteckt, zu hoch, und selbst die optimistischsten Strategen in seinem Team haben sie nie laut auszusprechen gewagt.
Immerhin: Er hat sowohl in Texas als auch in Ohio binnen Wochen zweistellige Rückstände auf Clinton gutgemacht. Nur reicht das nicht für den Durchbruch. Die Partei hat beschlossen, den Wettkampf zwischen ihren beiden Bewerbern fortzusetzen und sie in die nächsten Vorwahlen zu schicken.
Von Obama hört man jetzt Durchhalteparolen. "Mein Kopf sagt mir, dass wir einen sehr beträchtlichen Delegiertenvorsprung haben und es schwer ist, den zu überwinden" - so formulierte er es an Bord seines Wahlkampfjets auf dem Weg nach San Antonio. "Aber seht her: Sie (Clinton, d.Red.) ist eine hartnäckige und entschlossene Kandidatin. Also werden wir einfach darauf achten, dass wir so hart wie möglich arbeiten, so lange es auch dauert."
Wohlgemerkt: So lange es auch dauert. Die Republikaner freuen sich über diese Schlacht. Sie haben in dieser Nacht John McCain offiziell aufs Podest gehoben. Er profitiert von dem Kampf zwischen Obama und Clinton, der in den kommenden Wochen sicher nicht weniger heftig wird.
Es waren vor allem Clintons gnadenlose Negativ-Attacken, die Obama im Schlussspurt in Texas und Ohio aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Ihr berüchtigter Fernsehspot vom Roten Telefon im Weißen Haus, das mitten in der Nacht klingelt, untergrub die verteidigungspolitische Kompetenz des Rivalen. Ihr hartnäckiges Zweifeln an seiner Aura. Dazu sein Hin und Her um die Position zum Nafta-Freihandel. Dass er bei dem Thema nicht schnell genug reagierte, wurde ihm im einst industriegeprägten Ohio zum Verhängnis.
Clintons Kritik stürzt Obama in ein Dilemma. Er weigert sich, Negativ-Wahlkampf zu führen - egal was kommt. "Er hat es geschworen", sagt der frühere Präsidentenberater David Gergen in dieser Nacht noch mal. Doch Clintons Attacken lassen sich nur parieren, wenn man ebenso aggressiv ist. Das hat sich in Texas und Ohio eindeutig gezeigt.
Lächeln, seufzen, alles abtun - das reicht nicht mehr.
Obamas Strategen haben angedeutet, sie hätten genug Material gegen Clinton, würden es aber freiwillig nicht benutzen. Das Problem: Wenn auch er aufdreht, würde er sein Image lädieren, seine treuesten Fans verraten. Und das verlieren, was ihn so attraktiv macht: "Er ist anders als alle anderen", sagt die Philosophiestudentin Jane Braddock in San Antonio.
Auch jetzt scheint Obama nicht bereit, die Boxhandschuhe anzuziehen. "Die Welt schaut auf uns", ruft er in die Nacht. "Die Welt achtet darauf, wie wir uns zueinander verhalten."
Hinter den Kulissen hat Obama Insidern zufolge versucht, eine Gruppe von Super-Delegierten auf seine Seite zu ziehen - Parteifunktionäre, deren Stimmen bei einem Patt auf dem Nominierungsparteitag den Ausschlag geben können. So wollte er Clintons Niedergang besiegeln. Nun aber halten sich diese Super-Ddelegierten erst mal bedeckt. Und warten ab.
Clinton kann die kommenden Wochen nutzen, um ihre jüngsten Siege zu einer "neuen Dynamik" zu stilisieren. Auch wenn sie bei der Gesamtzahl der Delegierten hinter Obama liegt. Auch wenn der Weg zur Kandidatur für sie schwierig ist.
Obamas Rede in San Antonio dauert gerade mal 15 Minuten. Ein Negativ-Rekord - zuletzt sprach er über eine Stunde.
Er präsentiert fast mürrisch ein paar Versatzstücke seiner früheren inspirierenden Predigten, probiert ein paar Alliterationen ("von Seattle bis Sacramento, von Boise bis Baton Rouge"), doch sie kommen gequält daher. Er testet ein neues Mantra ("wir schreiben ein neues Kapitel in der amerikanischen Story"), doch dies ist nicht seine Nacht. Nach der Rede schüttelt Obama Hände, gibt Autogramme, nimmt einen Säugling auf den Arm. Statt der üblichen Wahlkampfhyme "Signed, Sealed, Delivered, I'm Yours" ertönt diesmal der Country-Song "Only in America".
Kurz darauf erklärt CNN Hillary Clinton auch bei den Primarys in Texas zur Siegerin der Vorwahl.
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