Von Matthias Gebauer, Yassin Musharbash und Holger Stark
Mit dem Bekennerschreiben aus dem Netz scheinen die schlimmsten Hypothesen der Ermittler wahr zu werden. Alles passt plötzlich zusammen: der junge Türke, der nach Pakistan ging und nun womöglich in Afghanistan seine Bestimmung fand, und das Bekennerschreiben auf einer von der noch weitgehend mysteriösen IJU genutzten Webseite, auf der auch die Verhaftung der Sauerland-Gruppe kommentiert wurde. Lange schon gehen die Behörden davon aus, dass Chef-Kader der IJU die geplanten Anschläge in Deutschland zumindest beförderten und das Trio zu Taten drängte.
C. wäre nach Sadullah K. aus Langen bereits der zweite Islamist aus Deutschland, der in den vergangenen Monaten im fanatischen Kampf gegen die Ungläubigen fiel. K., ein junger Deutscher aus Hessen, ebenfalls von Adem Yilmaz geworben, starb im Oktober bei einem Luftschlag der US-Luftwaffe in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion, nachdem er wie C. in einem Lager der IJU ausgebildet worden war. Im Fall von K. lieferte die CIA den Beweis für seinen Tod. Mit dem neuen Verdacht nun verdichtet sich die These, dass die Pakistan-Reisenden zu allem bereit sind.
Die Ermittler vermuten, dass C. spätestens Ende April 2007 bei der IJU in Pakistan eingetroffen sein muss. Das geht aus einer E-Mail hervor, die jener ominöse IJU-Kommandant mit dem Decknamen "Sule" am 26. April an Fritz Gelowicz sandte. Darin spricht "Sule" von zwei "Familien" aus Deutschland, die mittlerweile bei ihm seien und die von den Brüdern aus Deutschland geschickt worden seien. Das Lager der IJU soll sich zu diesem Zeitpunkt in einem Ort namens "Mir Ali" in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion befunden haben.
Dort verliert sich C.s Spur. Zwar erhielten die Behörden im Januar einen Hinweis, der junge Türke sei möglicherweise bei Kämpfen in Pakistans Grenzregion zu Afghanistan getötet worden, doch diese ließen sich nicht verifizieren. Eine erste Analyse der Bilder von der Website ergab, dass es sich bei dem Mann durchaus um den jungen Türken aus Deutschland handeln könnte.
"Zu plausibel für einen reinen Propaganda-Gag"
Seit dem 6. März tun die deutschen Behörden alles, um zu klären, ob "Ismail aus Ansbach" den Zünder drückte. In Kabul arbeitet der Verbindungsbeamte des BKA mit den lokalen Behörden zusammen, um alle Informationen über den Mann auf dem Fahrersitz des Lasters zu bekommen. Über andere Kanäle bemüht man sich, von den US-Truppen oder dem afghanischen Geheimdienst DNA-Material oder Fingerabdrücke für eine Identifizierung zu bekommen. Bisher aber konnte der NDS nur liefern, dass der Täter vermutlich schwarze Kleidung trug.
So blieben die Bemühungen um eine definitive Klärung ohne Erfolg - auch weil die Explosion so heftig war, dass es kaum Spuren gibt. "Wir haben keinen hundertprozentigen Beweis, dass unser Mann dabei war", so ein deutscher Beamter, "doch die Geschichte ist zu plausibel für einen reinen Propaganda-Gag".
Video-Testament im Internet
Für deutsche Ermittler sind die Ergebnisse der aktuellen Recherche auch für das Verfahren gegen die Sauerland-Bomber von Bedeutung. Handfeste Beweise aus Afghanistan über eine IJU-Verbindung nach Deutschland könnte man auch in die Anklage gegen das Trio einbauen. Bisher ist die IJU weitgehend nebulös geblieben, bis auf Erkenntnisse aus Usbekistan und einige kryptische E-Mails an Gelowicz und Co. haben die Bundesanwälte nicht viel in der Hand. Gleichwohl ist die Rolle der Auftraggeber für eine mögliche Verurteilung mehr als wichtig.
Guido Steinberg, Terrorexperte beim Institut für Wissenschaft und Politik, sieht in dem aktuellen Fall "einen weiteren Hinweis dafür, dass diese Organisation IJU tatsächlich besteht". Aus Sicht des Analysten ist die Gruppe "jung, zahlenmäßig klein und nicht sehr stark, aber sie existiert". Deutlich sei auch zu erkennen, dass die Gruppe "durch Veröffentlichungen im Internet versucht, an Profil zu gewinnen".
Weiteren Stoff und möglicherweise Beweise für die Beteiligung von Cüneyt C. hat die IJU angekündigt: In den nächsten Tagen soll sein Video-Testament online gehen.
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