Von Jürgen Kremb, Singapur
Panzer in den Straßen von Lhasa, brennende Autos auf dem Dach der Welt und Tausende Soldaten, die mit Sturmgewehren im Anschlag die Ruhe mit Waffengewalt herstellen, als sei China eine implodierende Bananenrepublik. Dazu eine noch nicht bekannte Anzahl von Toten auf beiden Seiten. Das ist ganz sicher nicht die strahlende, neue Wirtschaftsgroßmacht China, die Peking der Welt gern vor seinem Jahrhundertfest, den Olympischen Spielen 2008, präsentiert hätte.
Nein, es ist ein richtig böser Alptraum. Zunächst für die Menschen vor Ort, die in den nächsten Tagen aus ihren Häusern gezerrt werden und mit schlimmsten Strafen und Folter rechnen müssen. Niemand wird sich mehr an das Versprechen halten, dass Peking vor Olympia die Menschenrechte achten will.
Irgendwann bevor das Olympische Feuer durch die Straßen Lhasas getragen wird und Ende April oder Anfang Mai sogar auf dem Mount Everest brennen soll, haben chinesische Richter wahrscheinlich schon die ersten Todesurteile gegen Demonstranten verhängt.
Auch für die Planer der Olympischen Spiele und die Politiker Chinas, die sich gern im Ruhm und Strahleglanz sauberer "unpolitischer" Spiele gesonnt hätten, ist damit ihr schlimmster Alptraum wahr geworden.
20 verschwendete Jahre
Schuldzuweisungen helfen jetzt niemandem weiter. Sondern etwas mehr Realitätssinn wäre angebracht. Fakt ist: Der Tibetkonflikt ist ein politisches Problem und jetzt rächt es sich, dass Peking wie die tibetische Exilregierung in Dharamsala mehr als 20 Jahre verschwendet haben, an einer ernsthaften und friedlichen Lösung ihrer Probleme zu arbeiten.
Zuletzt hatte es Anfang der achtziger Jahre diesen Versuch gegeben. Damals schickte der Dalai Lama mit Billigung der Chinesen insgesamt drei Delegationen nach Tibet. Jede dieser Reisegruppen, die von seinen Verwandten, Exilpolitikern und hochrangigen buddhistischen Würdenträgern geleitet wurden, führte zu Tumulten auf dem Dach der Welt.
Die Menschen brachen in Tränen aus. Sie berichteten über unsägliches Leid und schwerste Menschenrechtsverletzungen während der Kulturrevolution (1966-1976), Genozid und Zerstörung der buddhistischen Hochkultur. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind bis zu 1,2 Million Tibeter durch die chinesische Besatzung und unterschiedliche Politkampagnen in Tibet ums Leben gekommen, seit der Dalai Lama im März 1959 aus seiner Heimat geflüchtet war.
Propaganda aus der kommunistischen Mottenkiste
Peking war geschockt und vermied seitdem den Dialog. Mit Parolen aus kommunistischer Urzeit wird seitdem jedwede Form von Demonstrationen und sei es vom buddhistischen Klerus als "Mob-Aufruhr" niedergemacht. Der Dalai Lama ist bei den plumpen Griffen in die Mottenkiste kommunistischer Propaganda stets die "schwarze Hand" oder ein "Separatist, der das Mutterland spalten" will. Angebote an ihn und seine Exilregierung, er könne gern zurückkommen, dürfe aber nur in Peking leben, zeigen wie wenig ernsthaft es die chinesische KP meint. Selbst der Besitz von Dalai-Lama-Bildern steht unter Strafe.
In Wirklichkeit ist man im Zhongnanhai, dem Sitz des chinesischen Politikbüros, nämlich überhaupt nicht an einer einvernehmlichen Lösung des Konflikts interessiert. Peking setzt auf die Dampfwalze der chinesischen Massen, in Form von Assimilation und Besiedlungspolitik. Seit Jahrzehnten werden chinesische Kader, Bauern und Arbeiter ermutigt, in jene Gebiete Chinas zu ziehen, in denen einst eine tibetische Bevölkerungsmehrheit herrschte.
Das sind nicht nur die "Autonome Region Tibet", sondern auch Provinzen wie Qinghai, Gansu und Randgebiete von Sichuan, wo die knapp sechs Millionen Tibeter auch heute noch leben. Höhepunkt dieser Politik war der Bau einer Eisenbahn nach Lhasa, die vor drei Jahren eingeweiht wurde. Was zunächst nichts Schlechtes ist, weil damit der Wohlstand der Wirtschaftsreform auch in der unterentwickelten Region ankam, hat die Einheimischen endgültig zur Minderheit in ihrer Heimat gemacht.
Dem Dalai Lama fehlt es an politischen Perspektiven
Der Dalai Lama hat es im Gegenzug leider stets versäumt, darauf mit adäquaten politischen Konzepten zu antworten. Zugegeben, als Expolitiker und Mönch, damit nur der Gewaltlosigkeit verpflichtet, stehen ihm wenig Möglichkeiten offen. Aber trotz seiner Reputation als jet-settender Popstar der Einkehr und Besinnlichkeit, ist es ihm zu wenig gelungen, politische Perspektiven für die Zukunft seines Volkes zu formulieren.
Richtig ist, er selbst hat seit Mitte der achtziger Jahre die Forderung nach Eigenstaatlichkeit seiner besetzten Heimat aufgegeben. Was der geistliche Führer der Tibet will, ist nur mehr die "Autonomie und kulturelle Eigenständigkeit" für das Dach der Welt, die Mao Zedong ihm 1951 nach der Besetzung zugesichert hatte.
Richtig ist aber auch, dass sich seine Exilregierung noch immer mit verstaubten Konzepten beschäftigt, etwa ob das alte Tibet vor dem Einmarsch der Chinesen eine staatliche Souveränität (Eigenstaatlichkeit) oder nur Suzeränität (Oberherrschaft) besaß. Was zusätzlich Pekings Misstrauen befeuert, ist, dass der Dalai Lama eben doch irgendwie auch das Oberhaupt der "Free Tibet Kampagne" ist, die Freiheit und Eigenstaatlichkeit verlangt.
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