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17.03.2008
 

Sexy Primaries

Hinterm Handtuch tobt die Lust

Von Gabor Steingart, Washington

Erotische Eskapaden in beiden Parteien: Die Enthüllungen im US-Vorwahlkampf sind für die Betroffenen peinlich, für die Wähler ein Segen. Denn gnadenlos wird ein besonders nerviger Politikertypus entlarvt: der Scheinheilige, der seine Tugend nur spielt.

Der Amerikaner ist in der Sauna stärker verhüllt als der Deutsche beim Besuch einer italienischen Basilika. Wer im Washingtoner Regierungsviertel einen Sportclub besucht und nach getaner Körperertüchtigung in die Sauna strebt, trifft auf lauter Menschen in Tuch. Das eine Handtuch bedeckt Brust und Schultern, das zweite ist kunstvoll um Bauch und Hüften geschlungen.

Unterm Handtuch aber tobt die Lust; und bei vielen Politikern offenbar auch der nackte Wahnsinn. Die Volksvertreter der westlichen Supermacht weisen im Sexualverhalten einige Besonderheiten auf, die sie deutlich von anderen Nationen unterscheiden. Bei den außerehelichen Aktivitäten können im alten Europa in jüngerer Zeit bestenfalls die britischen Parlamentarier und die französischen Staatspräsidenten mithalten, unter denen eine gewisse Liebestollheit parteiübergreifend Tradition besitzt.

Der Variantenreichtum, den die Amerikaner während der diesjährigen US-Vorwahlen bieten, funktioniert als Parallelprogramm zur offiziellen Delegierten-Mathematik. Wir Deutsche kennen das nur aus dem Theaterleben. Im Haupthaus wird der Klassiker gespielt, die Studiobühne nebenan aber gehört den Nackten und Wahnsinnigen des Regietheaters.

Erst im vergangenen Jahr hatte jener verheiratete, republikanische Senator seinen Auftritt, dessen Füße auf der Herrentoilette des Flughafens von Minneapolis in die Nachbarkabine wanderten, offenbar in der Absicht dort zu kontakten. Wie konnte er ahnen, dass da kein liebestoller Passagier, sondern ein Spielverderber vom FBI in Zivil hockte? Er habe von Natur aus, erklärte der Ertappte dem Polizisten zufolge, "a wide stance", einen weiten Beinabstand. Im Guinnessbuch der albernen Ausreden hätte er damit einen Ehrenplatz verdient.

Politiker beider Parteien, auch das wird geboten, sind Dauerkunden rivalisierender Callgirl-Ringe. Der Senator von Louisiana, ein Unterstützer von Rudy Giuliani, fand sich in der Kundendatei von "DC Madame". Der New Yorker Gouverneur, ein Hillary-Clinton-Unterstützer, wurde als Kunde Nummer 9 der Prostituiertenvereinigung Emperor's Club V.I.P geführt.

Weltweit ist man mittlerweile mit den finanziellen Eckdaten des Mannes vertraut, der auf den Namen Eliot Spitzer hört. In Suite 871 des Washingtoner Hotels Mayflower ließ er sich verwöhnen, für mehr als 4000 Dollar für die Nacht mit der Prostituierten "Kristen". Die aufgelaufene Rechnungssumme betrug über mehrere Jahre insgesamt 80.000 Dollar. Spitzer galt im Emperor's Club als schwieriger Kunde, weil er am liebsten ohne Verhütungsmittel zur Tat schritt.

Dass es auch vornehmer geht, beweist der republikanische Präsidentschaftsbewerber John McCain. Ihm wird von der "New York Times" nachgesagt, er habe 1999 auf einer Wahlkampfreise durch den Sonnenstaat Florida mit einer 31 Jahre jüngeren Lobbyistin geturtelt. Ein Klassiker steht zur Debatte: Er hat ihr einen Gefallen getan, was bewiesen ist, und sie ihm auch einen, was McCain bestreitet.

Was für ein kolossaler Fehler! Was soll einem heute 71-Jährigen, der etlichen Wählern als zu alt gilt für den Präsidentenjob, eigentlich besseres passieren als der Verdacht, er sei noch vital wie ein Hirsch in der Brunft.

Bei den Demokraten sind die Familienwerte ein Tabu-Thema

Affären gehören zur amerikanischen Politik wie der Käse zum Cheeseburger. In der Hall of Fame der berühmtesten Fremdgeher und Affären finden sich etliche Präsidenten: Thomas Jefferson zeugte mindestens ein uneheliches Kind mit seiner schwarzen Haushälterin, John F. Kennedy kam Marilyn Monroe näher als nahe, und Bill Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky ist wohl der am besten dokumentierte Seitensprung der Menschheitsgeschichte.

Für die Öffentlichkeit hat die große Affärendichte der jüngsten Zeit einen unschätzbaren Vorteil. Der einzelne Politiker schrumpft auf Normalmaß oder darunter; er ist bürgernah wider Willen. Auch die politischen Parteien können sich nicht länger als Tugendwächter über ihre Wähler erheben, was vor allem die Republikaner in allen bisherigen Wahlkämpfen getan haben.

"Family values" heißt "Familienwerte", aber in Wahrheit diente ihnen der Terminus als Kampfbegriff gegen alle, die irgendwie anders waren als ihr Ideal: Schwule, Lesben, Geschiedene, alleinerziehende Mütter oder Väter, die mittlerweile in mehr als der Hälfte der heutigen amerikanischen Haushalte leben.

Vielleicht auch deshalb schlagen die "Familienwerte" gegen ihre Erfinder zurück. Bei den Demokraten gilt das Thema ohnehin als tabu, schon aus Pietät gegenüber den Clintons. Barack Obama, in erster Ehe mit seiner Michelle verheiratet, wäre der einzige, der daraus Kapital schlagen könnte. Seine Gattin hat es kürzlich zaghaft versucht: "Wer sein eigenes Haus nicht in Ordnung halten kann", sagte sie auf einer Kundgebung, "kann nicht das Weiße Haus regieren."

Die Republikaner aber fallen als Volksbelehrer auf ganzer Linie aus. Die drei republikanischen Präsidentschaftsbewerber McCain, Giuliani und Fred Thompson bringen es zusammen auf sieben Ehen. Die Tochter von Dick Cheney lebt mit einer Frau zusammen. Der Vize-Präsident verdankt sein sechstes Enkelkind, Samuel David Cheney, nicht den Familienwerten, sondern einem Samenspender.

Nach einem Vorwahlkampf der erotischen Eskapaden ist die heilende Wirkung allerorten zu besichtigen: Die Tugendbolde wurden auf Zimmerlautstärke herunter gepegelt. Das Privatleben wird nicht mehr politisiert, sondern reprivatisiert. Der Wahlkampf übernimmt die diskreten Regeln der amerikanischen Saunakultur. Politik mit Handtuch scheint jetzt gefragt.

Anmerkung der Redaktion: SPIEGEL ONLINE hat die Angaben über die von Spitzer geleisteten Zahlungen an den Emperor's Club präzisiert. Spitzer zahlte für die Stunden mit "Kristen" mehr als 4000 Dollar inklusive Vorschuss, Hotel und Anreisekosten. Insgesamt zahlte Spitzer innerhalb mehrerer Jahre 80.000 Dollar für Prostituierte des Callgirl-Rings.

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