Jerusalem - Es war der erste Auftritt eines ausländischen Regierungschefs vor der Knesset, im Vorfeld hatte es Proteste gegeben: Einige Abgeordnete wollten eine auf Deutsch vorgetragene Rede verhindern, boykottierten den Gast aus Berlin. So war es ein Zeichen des Respekts und der Demut, als die Kanzlerin zunächst auf Hebräisch zu den Abgeordneten sprach: "Ich danke allen Abgeordneten, dass ich in meiner Muttersprache zu Ihnen sprechen darf." Applaus brandete auf.
Kanzlerin Merkel in der Knesset: "Ich danke allen Abgeordneten, dass ich in meiner Muttersprache zu Ihnen sprechen darf"
"Deutschland und Israel sind und bleiben, und zwar für immer, auf besondere Weise durch die Erinnerung an die Shoah verbunden", versicherte die Kanzlerin dann auf Deutsch. Die Shoah erfülle die Deutschen mit Scham. "Ich verneige mich vor den Opfern. Ich verneige mich vor den Überlebenden und vor all denen, die ihnen geholfen haben, dass sie überleben konnten. Der Zivilisationsbruch durch die Shoah ist beispiellos." Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürfen in Deutschland und in Europa nie wieder Fuß fassen, sagt Merkel.
Merkel bekräftigt die historische Verantwortung Deutschlands für den jüdischen Staat. Die Sicherheit Israels sei Teil der deutschen Staatsräson und damit niemals verhandelbar. "Nur wenn Deutschland sich zu seiner immerwährenden Verantwortung für die moralische Katastrophe in der deutschen Geschichte bekennt, können wir die Zukunft menschlich gestalten", sagte Merkel. Dabei dürfe die Politik auch nicht aus Furcht vor der öffentlichen Meinung davor zurückschrecken, Iran mit weiteren Sanktionen zum Stopp seines Nuklearprogramms zu bewegen. "Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will."
"Mit gemeinsamen Werten, mit gegenseitigem Vertrauen"
Im israelisch-palästinensischen Konflikt forderte Merkel ein Ende der Raketenangriffe auf Israel. "Ich sage klar und unmissverständlich: Die Kassam-Angriffe der Hamas müssen aufhören." Terrorangriffe seien ein Verbrechen. Sie brächten keine Lösung in dem Konflikt, der die Region und das tägliche Leben der Menschen in Israel und das Leben der Menschen in den palästinensischen Autonomiegebieten überschatte.
Eine Lösung des Konflikts könne nur durch schmerzhafte Zugeständnisse beider Seiten erreicht werden. Deutschland trete entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein, für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina, erklärte Merkel. Ausdrücklich bot die Bundeskanzlerin beiden Seiten die Unterstützung durch die Internationale Gemeinschaft an.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel nannte die Kanzlerin "besonders und einzigartig: Mit immer währender Verantwortung für die Vergangenheit, mit gemeinsamen Werten, mit gegenseitigem Vertrauen, mit großer Solidarität füreinander und mit vereinter Zuversicht." Merkel gratulierte dem israelischen Volk zum 60. Jahrestag der Staatsgründung, die im Mai 1948 erfolgte. Deutschland werde "Israel nie allein lassen, sondern treuer Partner und Freund sein", versicherte die Kanzlerin, die ihre Rede mit dem Gruß "Shalom" beendete.
Zuvor hatte der israelische Oppositionsführer Benjamin Netanjahu (Likud) die Kanzlerin ungeachtet der Protesten gegen eine deutsche Ansprache als "willkommenen Gast" in der Knesset begrüßt. Er versicherte , der Boykott einiger Abgeordneter sei "nicht persönlich gegen Sie gerichtet". Netanjahu erklärte, die Verletzungen des Holocaust seien "sehr tief und können nicht in einer Generation heilen, wenn überhaupt".
Merkels Rede vor der Knesset war der Höhepunkt und Abschluss der dreitägigen Reise der Kanzlerin nach Israel. Am Vormittag war sie mit Israels Staatspräsident Shimon Peres, Oppositionsführer Benjamin Netanjahu und Außenministerin Zipi Livni zusammengekommen. Die Kanzlerin besuchte zudem eine Benediktinerabtei mit einem aus Deutschland stammenden Abt sowie das Israel-Museum.
anr/Reuters/AP/ddp/dpa
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