Berlin - Es ist eine typische Bin-Laden-Ansprache: großspurig, provokativ und martialisch. Diesmal verbreitet der Qaida-Anführer seine Terrorbotschaft direkt zu Ostern. Sein Adressat ist Europa: "Ihr habt es in eurem Unglauben übertrieben, indem ihr diese beleidigenden Zeichnungen veröffentlicht habt. Das ist das größte und gefährlichste Unglück und das Urteil dafür wird entschlossener ausfallen." Eine Anspielung Bin Ladens auf die umstrittenen Mohammed-Karikaturen, die vor einem Monat in mehreren dänischen Zeitungen erneut veröffentlicht wurden.
Nach einer ersten Einschätzung ergebe sich für Deutschland keine neue Gefahrenlage, heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Die Botschaft richte sich nicht direkt gegen Deutschland. Derzeit prüfe man noch die Echtheit der im Internet verbreiteten Botschaft. Dennoch wird die Bedrohung im Innenministerium nicht voreilig abgetan: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe schon öfter gesagt, dass Deutschland im Fadenkreuz des Terrorismus stehe.
Auch der dänische Geheimdienst PET geht nach Bekanntwerden der Botschaft nicht von einer veränderten Gefahrenlage aus. PET-Chef Jakob Scharf teilte mit, dass an der ohnehin seit knapp einer Woche geltenden Einstufung einer "verschärften Drohung" gegen Dänen und dänische Interessen im Ausland festgehalten werde.
Bei dänischen Politikern allerdings herrscht große Sorge: Vertreter der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei und Politiker der Sozialdemokraten hatten zuvor PET dazu aufgefordert, die Sicherheitsstufe zu erhöhen.
Es handle sich bei der Ansprache um eine sehr ernsthafte Bedrohung, weil Bin Laden ein weltweites Netzwerk habe, sagte Sören Espersen von der Dänischen Volkspartei. Sass Larsen von den Sozialdemokraten betonte die wichtige Rolle des Geheimdienstes. Gleichzeitig warnte er davor, sich von Bin Laden in der Freiheit einschränken zu lassen.
Mitte Februar hatten mehrere dänische Zeitungen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen erneut gedruckt, nachdem bekannt wurde, dass Extremisten ein Attentat gegen einen der Zeichner planten. Die Karikaturen, die die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" zuerst veröffentlichte, hatten Anfang 2006 in mehreren Ländern zu Unruhen mit Dutzenden Todesopfern geführt. Erst vor knapp einer Woche hatte der dänische Geheimdienst erklärt, die neuerliche Veröffentlichung der Karikaturen habe Dänemark negative Aufmerksamkeit beschert und möglicherweise das Risiko für Staatsbürger im In- und Ausland erhöht.
Bin Ladens Drohung ein Akt der Verzweiflung
Vertreter der deutschen Muslime verurteilten die neue Botschaft von Bin Laden. Aiman Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, wertet die Drohung des Qaida-Anführers als Verzweiflungsakt. Bin Laden wolle mit seiner Ansprache vom Desaster im Irak ablenken, das er selbst mitverschuldet habe. "Außer Aufrufen zu Selbstmordattentaten ist ihm nicht viel eingefallen." Bin Laden und die, die hinter ihm stehen, hätten erkannt, dass sie kaum Einfluss in der islamischen Welt haben, sagte Mazyek SPIEGEL ONLINE. "Jetzt versuchen sie in Europa im Trüben zu fischen. Die Antwort der meisten Muslime wird aber sein: Bin Laden go home!"
Der Sprecher des Koordinierungsrats der Muslime, Bekir Alboga, sagt, er lehne jede Art von Gewalt und Drohung ab und verurteile die Ansprache von Bin Laden. "Gleichzeitig bitte ich die Meinungsmacher und die Karikaturisten, jede weitere bewusste Provokation in diesem Zusammenhang zu lassen. Provokationen tragen nicht zur Aufklärung und zur Entspannung bei", sagte Alboga SPIEGEL ONLINE.
Erst kürzlich hatte eine Schau dänischer Künstler in Berlin für Aufregung gesorgt. Die von Muslimen wegen einer Mekka-Karikatur attackierte Ausstellung "ZOG" wurde aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Kenan Kolat, hatte Muslime damals zu mehr Gelassenheit aufgefordert.
anr/cvo
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