Aus Masar-i-Scharif berichtet Matthias Gebauer
Masar-i-Scharif - Samirs Vater reiste zwei lange Tage aus Faizabad für diese zehn Minuten. Zusammengekauert sitzt der 39-Jährige mit seinem blinden Sohn Ahmed schon seit Mitternacht ganz nahe am eingezäunten Schrein an der blauen Moschee mitten in der nordafghanischen Metropole Masar-i-Scharif.
Samir hofft auf ein Wunder. Wenn in ein paar Minuten an diesem Donnerstag die rosa Flagge als Zeichen für den Beginn des neuen Jahres 1387 auf dem Innenhof der Grab-Moschee, wo der Kalif Ali die letzte Ruhe fand, gehisst wird, hilft Allah durch ein Wunder jedes Jahr einigen unheilbar Kranken. So jedenfalls erzählen es die Sagen.
Von Menschen, die aus Rollstühlen aufstehen, von Verrückten, die zurück ins normale Leben finden, von Wunden, die sich schließen, erzählen diese Geschichten. Samir kennt sie von seinem Vater. Der Wink Gottes, es ist die einzige Hoffnung, die Samir für seinen Sohn hat. Deshalb kam er nach Masar.
Gemeinsam mit Hunderten Kranken wartet er auf die Mullahs, die die Flagge hissen sollen. Ahmed hat sich unter einer braunen Decke verzogen. Sein Vater reicht ihm ein Stück Brot. "Du musst hoffen, mein Junge", flüstert er, "wer glaubt, dem kann geholfen werden."
Die Region halluziniert sich ein besseres Leben herbei
Nordafghanistan feiert an diesem Morgen Nouroz, das Neujahrs- und Frühlingsfest. Eine alte Tradition, bekannter im nahen Iran westlich von Afghanistan, zelebriert das Ende des in diesem Jahr besonders harten Winters.
Die Menschen bitten um fruchtbare Felder und hoffen auf Glück für ihre Familien. Allen gemeinsam ist der Traum auf eine bessere Zukunft in dem von Bürgerkrieg, Taliban-Herrschaft und der allgegenwärtigen Gewalt geschundenen Afghanistan. Wie Samir klammert sich die ganze Region an das mystische Fest, halluziniert sich ein besseres Leben herbei.
Die Massen, sie strömen unaufhörlich zur Moschee. 500.000 Menschen, so sagt der Bürgermeister, sind aus den Provinzen nach Masar gekommen. Niemand kann schätzen, wie viele es wirklich sind. Jeder will so nah wie möglich dabei sein bei der Zeremonie. Die Polizei hat riesige Gitter aufgebaut, schon seit Tagen kontrollierten Tausende Soldaten und Geheimdienstler jedes Auto - aus Angst vor einer Taliban-Attacke auf das von den Gotteskriegern während ihrer Herrschaft als gottlos verbannte Fest. Seit der Nacht kommt kein Wagen mehr in die Stadt, es herrscht Alarmstufe eins.
Spirituelle Reinigung für ein paar Afghani
Erst nach dem großen Fest stellt sich heraus: Die Befürchtungen waren richtig. Am Freitagmorgen, gerade ist der Höhepunkt der Party vorbei, explodiert nahe der Moschee in einem Mülleimer ein Sprengsatz. Fünf Menschen werden verletzt, mehrere Autos beschädigt. Der glimpfliche Ausgang kann nicht darüber hinwegtäuschen, was bei einer solchen Explosion während der Feierlichkeiten passiert wäre. "Gestern war hier alles voller Menschen", sagt ein Polizist, "da hätte es Dutzende Tote gegeben." Er reibt sich die Augen. "Wir haben echt Glück gehabt."
Sonst aber blieb es ruhig in Masar-i-Scharif, wobei ruhig für das Nouroz-Fest wohl das falsche Wort ist. Drei Tage lang pulsiert die Stadt. An jeder Ecke leuchten Girlanden, jedes Haus ist herausgeputzt. Jeder, der etwas zu verkaufen hat, bietet es an den Straßenrändern an.
Überall in der Stadt riecht es nach gebratenem Fleisch, nach abbrennenden Kräutern, von denen Kinder ihren Kunden für ein paar Afghani eine spirituelle Reinigung versprechen. Für diese drei Tage sind die Probleme des Landes am Hindukusch vergessen - auch wenn sie nur verdrängt sind.
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