Aus Masar-i-Scharif berichtet Matthias Gebauer
Die Zeremonie an der Moschee ist schnell vorbei. Stunden vor dem Hissen der Flagge haben sich Hunderte Stammesälteste und Würdenträger im Innersten des Schreins versammelt. Gouverneur Mohammed Atta, Kriegsherr aus alten Tagen, der heute den in Afghanistan typischen Mafia-Chic eines glänzenden Anzugs der alten Uniform vorzieht, kommt als letzter hinein. Als Gast hat er einen von Präsident Hamid Karzais Stellvertretern mitgebracht. Karzai selber kann aus Sicherheitsgründen nicht nach Masar kommen - zu gefährlich wäre eine Reise aus seinem verbarrikadierten Amtssitz in Afghanistans Hauptstadt Kabul.
Atta ist ein selbstbewusster Gouverneur, unter seiner Designer-Sonnenbrille blitzt sein makelloses Lächeln im Dauerbetrieb. Als starker Herrscher steht er als Garant für die relative Sicherheit des Nordens, wohin die Taliban trotz mancher Versuche ihren Terror gegen alle regierungsnahen Einrichtungen nicht tragen konnten. Der Gouverneur verliest eine lange Liste von Danksagungen. Allen Ländern, darunter auch mehrmals Deutschland, die hier helfen, sendet er Grüße und verspricht seiner Bevölkerung weitere neue Straßen, Elektrizität und einen Wirtschaftsboom.
Dann wird die Fahne gehisst. Hinter den massiven Absperrungen, links vom Schrein, sitzen Hunderte Frauen unter ihren blauen Burkas, rechts die Männer, kreischt das Publikum. Alle sind nun aufgestanden, rütteln am Gatter. Polizisten versuchen hilflos, mit ihren Schlagstöcken die Menge zurückzuhalten. Doch kaum ist die Fahne gehisst, brechen die Absperrungen unter dem Druck der Masse. Die VIPs sind gerade in ihren gepanzerten Jeeps davon gerast. Nun versucht jeder, den Fahnenbaum einmal zu küssen. Das Fest, es ist endgültig eröffnet.
Jeder kämpft nur für sich allein
Nouroz, das ist eine einmalige Gelegenheit, die raue Kultur des Nordens mit seinen vielen Volksgruppen kennenzulernen. Am Nachmittag kämpfen die bunt gekleideten Bushkazi-Reiter um Ehre und Geld. In einer Art usbekischem Pferde-Polo fegen sie mit ihren schweren Gäulen über ein staubiges Feld.
Statt einer Kugel aber reißen sie alle an einer toten Ziege, dem Spielstein der Höllen-Reiter. Wer die Ziege an sich bringen kann, findet sich umgehend in einem Pulk von schnaubenden Pferden mit aufgerissenen Nüstern und bekommt reichlich Prügel von seinen Gegner. Mit ihren Holzstöcken dreschen alle auf den Reiter ein, damit er die Beute fallen lässt.
Die Regeln sind simpel und typisch afghanisch: Jeder kämpft nur für sich allein. Einmal muss der Reiter um eine Fahne reiten und die tote Ziege dann in einer Markierung ablegen. Die Krieger sehen ein bisschen aus wie Astronauten. Ihre traditionellen Gewänder sind dick mit Stroh gepolstert, die Füße stecken in kniehohen Stiefeln mit harten Holzabsätzen. Einige tragen Pilotenmützen aus Sowjet-Zeiten. Für das Publikum ist das Spektakel gefährlich - ohne Seitenränder oder ein Ende des Spielfelds nehmen die Reiter keine Rücksicht auf Schaulustige.
Die Stadt versinkt in Trance
Ähnlich blutig geht es beim Kamelkampf zu. "Normalerweise kämpfen Kamele nicht in der Natur", sagt Jawed, einer der Trainer, "doch das hier sind afghanische Kamele." Er grinst breit. Abgerichtet durch tagelanges Laufen in der Wüste, aggressiv gemacht in einer Dunkelkammer, ringen zwei Tiere mit ihren langen Hälsen, bis das Blut aus den Nasen schießt. Um die schweren Viecher, aus deren Mäulern Schaum quillt, tänzeln die Trainer und treiben sie mit ihren Holzstöcken an. Am Ende des Kampfes gibt eines der Tiere auf und flüchtet. Die Buchmacher kommen aufs Feld und verteilen Gewinne - Tausende Dollar werden hier verzockt.
Die Stadt selber versinkt in Trance. Fahrer von Autos halten plötzlich an, alle Fahrgäste steigen aus und beginnen zu tanzen, wenn irgendwo Musik ertönt. Der Schrein der Moschee versinkt in einer Rauchwolke von Bratständen und kleinen Garküchen. Am Abend dann beschert der Gouverneur seiner Stadt noch ein Feuerwerk - das erste Mal seit dem Sturz der Taliban.
Nun geht nichts mehr. Hunderttausende sehen in den dunklen Himmel und fotografieren jede Rakete mit ihren Mobiltelefonen. Unser Taxifahrer bittet uns, lieber zu Fuß nach Hause zu gehen. "Ich lasse meinen Wagen jetzt hier stehen und feiere auch", sagt er.
Samir sitzt da schon wieder in einem Wagen, der ihn und den blinden Ahmed zurück ins 330 Kilometer entfernte Faizabad bringt. Er klingt nicht traurig, als er erzählt, dass es doch kein Wunder gab. "Wir haben gehofft und vertrauen auf Allah", sagt er, "dieses Mal hat er anderen geholfen, nächstes Mal vielleicht uns." Wiederkommen zum Nouroz, da ist er ganz sicher, wird er auf jeden Fall.
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