Lausanne/Athen/Peking - Jacques Rogge ist kein Mann der lauten Worte, keiner, der Klartext redet - zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Der IOC-Chef ist ein Super-Diplomat: Hauptsache niemandem wehtun, vor allem nicht denjenigen, die das IOC als Ausrichter für Olympische Spiele ausgewählt hat. Denn Kritik am Ausrichter bedeutet Kritik an den Funktionären, also an ihm.
Kaum verwunderlich, dass Rogge lange zum Tibet-Konflikt schwieg und sich kürzlich nur gegen einen Boykott der Spiele in Peking im Sommer aussprach. Jetzt ließ er in einer Pressemitteilung einen Einblick in die Gemütslage des Komitees zu: "Wir verfolgen die Ereignisse in Tibet mit großer Sorge", hieß es. "Das IOC hat bereits seiner Hoffnung Ausdruck verliehen, dass der Konflikt so schnell wie möglich friedlich beigelegt werden kann", erklärte der Belgier. Gewalt aus welchem Grund auch immer stehe konträr zu den olympischen Werten und widerspreche dem Geist der Spiele.
Rogge rechtfertigte die Vergabe der Sommerspiele nach Peking vom 8. bis 24. August als große Chance. So würden die olympischen Werte einem Fünftel der Weltbevölkerung nahe gebracht. "Wir glauben, dass China sich dadurch verändern wird" - allein schon dadurch, dass 25.000 Medien akkreditiert sein würden. Olympische Spiele seien eine "Kraft des Guten". "Sie sind ein Katalysator für den Wechsel, aber kein Allheilmittel für alle Krankheiten", erklärte er. Zugleich erinnerte Rogge an die "große Verantwortung des IOC", für die Athleten in Peking "die bestmöglichen Olympischen Spiele" zu veranstalten. Dies geschehe "in enger und intensiver Zusammenarbeit" mit dem Organisationskomitee in Peking.
Ein Beispiel dafür wird Rogge am Ostermontag liefern, wenn er gemeinsam mit dem Chef des chinesischen Olympischen Komitees, Liu Qi, der Entzündung des Olympischen Feuers in Olympia beiwohnen wird. Danach soll die Flamme eine 137.000 Kilometer lange "Reise der Harmonie" durch fünf Kontinente antreten - unter anderem auf den Mount Everest. Doch schon zum Start wird es Ärger geben. Exil-Tibeter und Menschenrechtsgruppen haben Störmanöver bei Zeremonie angekündigt. Und auch die Fackelläufer müssen Umwege einplanen. Die Organisatoren rechnen vielerorts auf der globalen Tour mit Protestaktionen - unter anderem in London, Paris und San Francisco am 6., 7. und 9. April.
"Das IOC respektiert die Gruppen, die Aktivisten und ihre Gründe. Wir sprechen regelmäßig mit ihnen - aber wir sind keine politische oder aktivistische Organisation", erklärte Rogge und betonte: "Ohne Zweifel achten wir die Menschenrechte."
Dalai Lama weist Vorwürfe aus Peking zurück
Inzwischen wies der Dalai Lama den Vorwurf der chinesischen Führung zurück, er missbrauche die Olympischen Spiele als Druckmittel im Unabhängigkeitskampf der Tibeter. "Ich habe es immer unterstützt, dass die Olympischen Spiele in China stattfinden", sagte er am Sonntag in der indischen Hauptstadt Neu Delhi. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hatte wiederholt Aufrufe zurückgewiesen, wegen des Vorgehens der chinesischen Sicherheitskräfte gegen Proteste in Tibet das Sportereignis in Peking zu boykottieren. China verdiene als bevölkerungsreichstes Land der Welt die Olympischen Spiele, betonte er dabei.
In einem am Sonntag in mehreren chinesischen Zeitungen veröffentlichten Leitartikel hatte es geheißen, die "Clique des Dalai Lama" wolle die Spiele als "Geisel" nehmen und Peking zum Nachgeben beim Thema "Unabhängigkeit Tibets" zwingen.
Staatliche chinesische Medien kritisierten auch erneut die Berichterstattung im westlichen Ausland über den Tibet-Konflikt. Einigen TV-Sendern und Zeitungen wurden Verdrehung der Tatsachen und Manipulation von Bildern vorgeworfen. Die Staatsagentur Xinhua berichtete, Zehntausende Internetnutzer seien - nicht näher beschriebenen - "Aufrufen" gefolgt, um gegen die Verdrehung von Tatsachen zu protestieren. Es sei eine "häufig angewandte Taktik einiger ausländischer Medien, mit unzutreffendem Material das Ansehen der chinesischen Regierung zu zerstören", fasste die Staatsagentur die Meinung in einem Onlineforum zusammen.
Eine Bewegung, die immer mehr Raum greift. Westliche Medien werden gegenwärtig überschwemmt mit E-Mails und Forumseinträgen, in denen sich Chinesen und ihre Gegner eine beispiellose Propagandaschlacht liefern. Rogge und das IOC mögen schweigen, aber die Tibet-Debatte hat erstaunlich schnell die ganze Welt vernetzt.
rüd/sid/dpa/AFP
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH