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25.03.2008
 

Rassismus in den USA

Obama beschwört Amerikas Erbsünde - und gerät in Gefahr

Von Marc Pitzke, New York

2. Teil: Warum Barack Obama sich mit seiner historischen Rede am Ende selbst um alle Chancen gebracht haben könnte

Viele Kirchen sponnen diesen Faden weiter. Die United Church of Christ - die landesweite Megakirche, zu der auch Obamas Gemeinde in Chicago gehört - empfahl allen Mitgliedern, sich Obamas Rede anzusehen. Das "Gespräch über Rasse", schrieb die Union Congregational Church in New Jersey in einem Newsletter, sei "wichtig, egal, welcher Partei man angehört".

Dieses Gespräch beschränkt sich aber längst nicht nur auf Kirchen. Der Latino-Interessenverband National Council of La Raza sieht die Obama-Rede als Chance, die Probleme aller Minderheiten offener zu diskutieren. Obama habe "eine sichere Sphäre für uns geschaffen, um darüber zu reden, ohne bedroht oder in eine Schublade gesteckt zu werden", sagte La-Raza-Präsidentin Janet Murguía der "New York Times".

Im Fernsehen überrollte die Thematik die Polit-Talkshows und selbst den Damen-Kaffeeklatsch "The View" auf ABC. "Endlich können wir davon reden, ohne uns zu fürchten, jemanden zu beleidigen", sagte Moderatorin Barbara Walters. Ihre Kollegin, die schwarze Komödiantin Whoopi Goldberg, ergänzte, dies sei "Zeugs, um das wir bisher herumgelaufen sind wie um heißen Brei". Sogar Bill O'Reilly, konservativer Anchorman auf Fox News (das ansonsten nur Tiraden auf Obama losließ), gab zu, dass "Rasse in Amerika auf beiden Seiten weiter ein ungelöstes Problem ist".

An mehreren Universitäten haben Studenten und Gruppen angekündigt, diese Problematik nach den Ferien in Seminaren und Runden anzugehen. Darunter an Obamas Alma Mater Harvard, der Tufts University in Massachusetts und der St. Edward's University im texanischen Austin, wo sich ein Sommerkursus der Frage jetzt schon widmete.

Bei den Demokraten selbst hat ebenfalls plötzlich eine kritische Eigenbetrachtung begonnen. Die Partei, die sich gerne als so offen und ethnisch divers gebe, habe kaum schwarze Führungsleute, sagte Donna Brazile, Al Gores Ex-Wahlkampfchefin, dem Autor Matt Bai. "Man kann sie an einer Hand abzählen."

Konservative nörgeln über Rassismus-Thema

Auch Blogger schreiben sich die Finger wund über Obamas Thesen. Ein einziger YouTube-Clip seiner Ansprache generierte bis gestern fast 6000 Kommentare. "Diese Rede wird in den Geschichtsbüchern unserer Kinder stehen", fand ein 23-Jähriger namens "CalvinJunior88".

Nicht alle im Internet sind so freundlich gesinnt und nutzen den Anlass lieber, um alten Hass zu schüren. YouTube-Nutzer "NHaleMedia", mit einer konservativen Website verlinkt, stellte eine Clip-Montage ins Netz, in der Obama mit den radikalen Black Panthers und Malcolm X verglichen wird, dem 1965 ermordeten Wortführer der Separatistengruppe "Nation of Islam". In dem Video ist auch Obamas Frau Michelle zu hören: "Als Schwarzer könnte Barack an der Tankstelle erschossen werden."

Wie sich herausstellte, steckte Soren Dayton, ein Wahlkampfhelfer des Republikaners John McCain, hinter dem Clip. Er wurde suspendiert.

Schon zeigt sich, dass nicht jeder an Obamas offenem "Gespräch" teilnehmen will - vor allem im konservativen Spektrum. Während bei den Demokraten überwiegend Jubel herrschte, stimmten in einer CBS-Umfrage nur vier von zehn Republikanern Obamas Thesen zu. Es gebe Wichtigeres, nörgelte der konservative Kolumnist William Kristol in der "New York Times": "Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist eine hitzige nationale Rassendebatte."

Es ist die Ironie dieser Debatte, dass am Ende einer womöglich am wenigsten davon profitiert: Barack Obama selbst. Er hat sich nun endgültig als schwarzer Kandidat definiert - etwas, das er so lange zu vermeiden versucht hatte. Denn ob die Amerikaner in diesem Wahlkampf letztendlich wirklich bereit sind, wie George Packer gestern im "New Yorker" schrieb, "Rasse zu überwinden", Obama zu folgen und ihre älteste Wunde zu heilen, bleibt fraglich.

"Er ist in der einzigartigen Position, diese Ära zu beenden", resümierte Packer, "und er steht in der einzigartigen Gefahr, ihr jüngstes Opfer zu werden."

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