Von Anna Reimann
Berlin - Es ist die jüngste Irrung in der Geschichte einer Provokation, die noch keiner kennt: Seit Monaten kündigt der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders seinen Anti-Koran-Film "Fitna" an, dessen Titel man vielleicht am besten mit "Heimsuchung" oder "Prüfung" übersetzen kann. Noch vor dem ersten April wolle er die Dokumentation ins Internet stellen, erklärte Wilders zuletzt. Eine Website war bereits eingerichtet.
Aber am Wochenende machte der zuständige US-Provider Wilders einen Strich durch die Rechnung und sperrte die Internetseite, auf der der Politiker den Film zeigen wollte. Es seien zahlreiche Beschwerden eingegangen, die nun geprüft würden, begründete "Network Solutions" seine Entscheidung. Man werde keinen Inhalte zulassen, die den eigenen Leitlinien widersprächen und Gesetze verletzten.
Für den prominenten niederländischen Schriftsteller Leon de Winter ist die Entscheidung des Providers Zensur. "Wir wissen noch gar nicht, was Wilders sagt, was in dem Film vorkommt - und trotzdem wird eine Webseite gesperrt." Das verstoße gegen die Grundwerte einer freien Gesellschaft. Wilders habe das Recht zu sagen, was er wolle, er dürfe auch beleidigen. Wenn sich herausstelle, dass er zu Hass und Gewalt aufrufe, müsse er vor Gericht gestellt werden. "Aber bislang wissen wir doch nichts", so de Winter zu SPIEGEL ONLINE. Der einzige Grund für die Schließung der Website sei die Angst vor radikalen Muslimen.
"Wir sind alle ziemlich Geert-Wilders-müde"
In der Tat ist die Aufregung über den angekündigten Film seit Wochen groß: Mehrere muslimische Länder haben sich über die Anküdigung, den Film zu zeigen, beschwert. Die Nato in Afghanistan fürchtet Gewalt. Ministerpräsident Jan Peter Balkenende erklärte, er könne nicht ausschließen, dass Menschen bei Protesten ums Leben kommen, wenn der Film gezeigt werde.
Dabei ist bislang vor allem die Genese der immer wieder neu geplanten Filmpremiere nervenzehrend. So wollte Wilders, der den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" vergleicht, seinen angeblich etwa 15-minütigen Film ursprünglich im Fernsehen zeigen, es fand sich aber kein niederländischer Sender, der ihn ausstrahlen wollte. Schließlich sollte "Fitna" an diesem Freitag im Internationalen Pressezentrum Nieuwspoort in Den Haag gezeigt werden. Die Vorführung scheiterte an den hohen Kosten für die Sicherheitsvorkehrungen.
Das jüngste Angebot eines holländischen muslimischen Senders, seinen Film zu zeigen, lehnte Wilders indes ab. Der Sender hatte es zur Vorbedingung gemacht, den Film vor der Ausstrahlung zu sehen. Wilders erklärte, niemand solle den Film vor der Veröffentlichung sehen dürfen. Und gestern dann kam eine Offerte der rechtsgerichteten tschechischen Nationalpartei. Man wolle Wilders Film veröffentlichen, hieß es dort. Eine Reaktion von Wilders ist bislang nicht bekannt.
Gerichtsverhandlung am Freitag
"Wir sind alle ziemlich Geert-Wilders-müde", sagt die niederländische Autorin Margalith Kleijwegt SPIEGEL ONLINE. Am Ende drohe alles eine riesige Farce zu werden, sagt der niederländische Terrorismusforscher Edwin Bakker.
"Geert Wilders kostet uns viele Millionen. Geheimdienst, Innen- und Außenministerium sind mit dem Fall beschäftigt und versuchen die Gefahr zu bewerten", so Bakker zu SPIEGEL ONLINE.
Dass es in den Niederlanden selbst wegen des Films zu Ausschreitungen komme, glaubt Bakker unterdessen nicht. Viele niederländische Muslime wüssten nicht einmal, wer Wilders sei. Im Moment spiele der angekündigte Film keine Rolle für sie, sagt Bakker SPIEGEL ONLINE.
Seit Monaten wird in den Niederlanden über "Fitna" diskutiert - Ende der Woche könnte Wilders gerichtlich gestoppt werden. Die niederländische Muslimvereinigung Islamische Föderation beantragte bei einem Den Haager Gericht, ein mögliches Verbot überprüfen lassen. Am Freitag sollen die Richter entscheiden.
Dann wird es in Holland wenigstens einen Richter geben, der "Fitna" gesehen haben muss.
Wilders selbst jedenfalls will so schnell nicht aufgeben: Er habe weiter vor, "Fitna" im Internet zu zeigen. Und notfalls wolle er die DVDs mit dem Film persönlich in Amsterdam austeilen, ließ er nach dem Ärger mit dem US-Provider verlauten.
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