Berlin - Die Entscheidung kam schnell und sie war eindeutig: "Nach Abwägung aller Argumente und in Wahrnehmung seiner Verantwortung gegenüber den Athleten" will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) auf jeden Fall eine Mannschaft zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking entsenden. Die am Ostermontag verbreitete frühzeitige Festlegung des DOSB, die Spiele trotz der blutigen Unruhen in Tibet auf keinen Fall zu boykottieren, stößt nun auf Kritik in der Politik.
"Ich hielte es für klüger, im Augenblick zur Boykottfrage gar nichts zu sagen, es damit aber eben auch nicht auszuschließen, dass man nicht nach China fährt", sagte der CDU-Außenexperte Ruprecht Polenz heute im Südwestrundfunk. Derzeit wisse man schließlich nicht, wie sich die Dinge in China und in Tibet weiter entwickeln würden.
Polenz sagte, abgesehen von einem Sportlerboykott sei auch eine Art politischer Demonstration bei der Olympia-Zeremonie denkbar. Falls Peking so "militant" handeln sollte, wie es zurzeit rede, könne er sich nicht vorstellen, dass deutsche Politiker "zur Eröffnungsfeier oder zur Schlussfeier fahren würden", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag.
Auch Grünen-Chefin Claudia Roth kritisierte die endgültige Boykottabsage des DOSB. Roth warnte davor, der chinesischen Führung einen Blankoscheck auszustellen. Im WDR sagte sie zum Thema Boykott: "Ich würde ihn zum jetzigen Zeitpunkt nicht befürworten. Aber ausschließen finde ich falsch, weil: Das rechtfertigt ja das weitere Vorgehen."
DOSB-Generaldirektor Michael Vesper bekräftigte heute dagegen seine Haltung. Es wäre naiv zu glauben, dass es den Menschen in Tibet besser gehe, wenn die Spiele boykottiert würden, sagte Vesper im ZDF-Morgenmagazin. Er betonte, der Sportbund werde das Thema Menschenrechtsverletzungen bei der nächsten Vorbereitungsrunde in China wieder ansprechen. "Wir führen zahlreiche Gespräche nicht erst, seit das Thema in den Schlagzeilen ist."
Auch die Bundesregierung hält weiterhin nichts von Boykottüberlegungen. Die Debatte darüber sei eher dazu geeignet, von einer Lösung der Probleme in Tibet "abzulenken", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg heute in Berlin. Erforderlich sei vielmehr ein direkter Dialog zwischen dem Dalai Lama und der chinesischen Regierung, um den Menschen zu helfen.
China halte den Schlüssel zur politischen Lösung des Konflikts in der Hand und müsse ausländischen Beobachtern und Medienvertretern Zugang zu den Unruheprovinzen gewähren. Nur mit Transparenz könne China internationales Vertrauen zurückgewinnen, sagte Steg. Die Bundesregierung wolle weiterhin an einer friedlichen Konfliktlösung mitwirken. Dazu diene auch ein für heute Nachmittag vorgesehenes Telefonat von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mit seinem chinesischen Amtskollegen.
Steg bestätigte, dass der Dalai Lama im Frühjahr wieder die Bundesrepublik besuchen wird. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe einem Treffen mit dem Oberhaupt der Tibeter allerdings eine Absage erteilen müssen, da sie sich "zu dem Zeitpunkt nicht in Deutschland" befinde. Die Kanzlerin wolle aber "bei passender Gelegenheit" erneut mit dem Dalai Lama sprechen. Der Empfang des Dalai Lama im Bundeskanzleramt im vergangenen Jahr hatte die Beziehungen zwischen Berlin und Peking schwer belastet.
Die chinesische Führung reagierte inzwischen scharf auf die Boykottdebatte innerhalb der Europäischen Union. "Wir lehnen es entschieden ab, wenn Länder oder Personen die Spiele politisieren oder mit anderen Dingen verknüpfen", sagte der Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang, heute vor Journalisten in Peking. "Das verletzt den Olympischen Geist und ist unfair gegenüber China." Es sei auch ungerecht gegenüber allen Sportlern in der Welt. "Die chinesische Regierung hofft, dass die betreffenden Gremien eine verantwortliche Haltung einnehmen."
Morgen wird sich der außenpolitischen Ausschuss des Europäischen Parlaments mit der Lage in Tibet befassen. Der Präsident des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering (CDU), hatte am Wochenende in einem Interview der "Bild am Sonntag" Boykottmaßnahmen nicht ausgeschlossen, wenn es keine Signale Pekings zur Verständigung mit dem Dalai Lama geben sollte. China müsse umgehend mit dem religiösen Oberhaupt der Tibeter einen Dialog aufnehmen, forderte der deutsche Politiker.
Frankreichs öffentlich-rechtliches Fernsehen schloss heute einen Boykott der Berichterstattung über die Spiele nicht aus. Wenn Peking Berichte oder Bilder über mögliche Demonstrationen zensiere oder verändere, werde France Télévisions "zweifellos entscheiden, nicht über die Olympischen Spiele zu berichten", sagte der Sportchef der Sendergruppe, Daniel Bilalian, im Radiosender RTL. Zurzeit gebe es aber noch keine Absicht, "die Spiele zu boykottieren".
phw/dpa/ddp/AFP
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