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01.04.2008
 

Kampf ums Weiße Haus

Warum Amerikaner nie wählen, was sie wirklich wollen

Von Gabor Steingart

Wähler in den USA sind widersprüchliche Wesen: Sie geben sich sozial - und sind doch geizig. Sie fühlen links - und wählen oft rechts. Da haben nur zwei Politikertypen Aussicht auf Erfolg: Republikaner, die Kreide fressen. Oder Demokraten, die sich selbst verleugnen.

Washington - Bis zur nächsten Vorwahl der Demokraten im US-Vorwahlkampf, in Pennsylvania, sind es noch 22 Tage. Die Zeit kann sich der politische Beobachter auf zweierlei Art vertreiben.

Man hört entweder den Kandidaten und deren Beratern zu, wie sie einander beschimpfen. "Monster" (gemeint war Hillary Clinton) und "Judas" (gemeint war ein ehemaliger Clinton-Minister, der das Lager in Richtung Obama gewechselt hatte) sind die wohl schlimmsten Schlüsselworte dieser Debatte. Temperaturanstieg und Niveauabfall scheinen einander zu bedingen.

Qual der Vorwahl: Wenn Sehnsüchte den Überzeugungen widersprechen
REUTERS

Qual der Vorwahl: Wenn Sehnsüchte den Überzeugungen widersprechen

Bleibt also Möglichkeit zwei: Man belauscht das Volk, hört zu, wie es aus den Meinungsumfragen zu uns spricht. Zehntausendfach wurden die US-Bürger aller Rassen, Geschlechter, Altersgruppen und Einkommensklassen in den vergangenen Wochen nach ihren Stimmungen und politischen Vorlieben befragt.

Demnach ist Amerika nicht nur geteilt in Nord und Süd, schwarz und weiß, arm und reich. Die zwei Amerikas, die auf den Röntgenbildern der Demoskopen erscheinen, liegen im politischen Hirn des einzelnen Wählers dicht nebeneinander. Der Befund ist deutlich: Die Sehnsüchte der Bürger widersprechen ihren Grundüberzeugungen.

So empfindet die überwiegende Mehrheit der Amerikaner die soziale Ungerechtigkeit in ihrem Land als himmelschreiend, träumt von stabilen Brücken und einem Schulsystem, in dem nicht der Drogendealer die wichtigste Respektperson ist. Die politische Sehnsucht gilt, das lässt sich nicht bestreiten, der Überwindung dieser Missstände.

Augen verengen sich - wie die Schlitze eines Sparschweins

Dieselben Wähler aber gestatten es den Politikern nicht, ihnen diese Wünsche zu erfüllen.

Denn kaum geht es an die Umsetzung, weicht das Träumerische aus dem Blick und die Augen verengen sich. Sie sehen nun aus wie die Schlitze eines Sparschweins.

Keinen Cent zusätzlich!, lautet die einhellige Antwort, wenn es um die Steuerpolitik geht. Eine Mehrheit lehnt Bushs Finanzpolitik zwar rundweg ab, aber nur wenn sehr allgemein danach gefragt wird. Seine Steuersenkungspolitik im Besonderen aber stößt auf breite Zustimmung.

Sollen diese Steuersenkungen, die vor allem Gutverdienern insgesamt viele Milliarden gebracht haben, permanent bleiben? Ja!, sagt eine deutliche Mehrheit der Befragten. Sollen weitere Steuersenkungen folgen? Unbedingt!, sagen die Wähler. Ist es am Besten für die US-Wirtschaft, wenn diese Senkungen alle oder nur die mittleren und kleinen Einkommen einschließen? Steuersenkungen für alle!, sagen dann immerhin 30 Prozent.

Beim Thema Irak-Krieg die gleiche Doppelzüngigkeit: Die Mehrheit hält den Einmarsch im Irak für einen Fehler, glaubt aber, die USA seien heute sicherer als zuvor. Die Mehrheit der Bürger ist für Rückzug, ist sich aber sicher oder hält es für wahrscheinlich, dass die USA den Krieg vorher noch gewinnen.

Der Wähler leidet unter mulitipler Persönlichkeitsstörung

Die US-Wählerschaft leidet offenbar an dem, was Psychologen und Psychiater die multiple Persönlichkeitsstörung nennen. "Die Patienten bilden zahlreiche unterschiedliche Persönlichkeiten, die abwechselnd die Kontrolle über ihr Verhalten übernehmen", heißt es in einem Lehrbuch.

Für die politischen Parteien ist dieser Typus Bürger eine Zumutung sondergleichen. Er will erst alles – und dann noch das Gegenteil. Es ist nicht ausgeschlossen, das er einen ganzen Wahlkampf lang sich dem Idealisten und ehemaligen Sozialarbeiter Barack Obama nahe fühlt, um am Wahltag mit dem Vietnam-Veteran John McCain zu entschwinden.

Das Volk wählt zuweilen anders, als es fühlt.

Wenn die Demokraten die Partei der Sehnsüchte sind, treten die Republikaner als Partei der Prinzipien vors Publikum. Wenn er mit seinem Sohn eine Coca-Cola kaufe, wolle er nicht erst die Zutatenliste studieren, sagte kürzlich der Redner einer konservativen Großveranstaltung. Eine Cola sei eine Cola, darauf müsse man sich verlassen können.

Wer die Republikaner wähle, fuhr er fort, müsse sich darauf verlassen können, dass danach die Steuerlast schwindet: "Eine Steuererhöhung wirkt für uns Republikaner wie ein Rattenkopf in der Cola."

Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat daraus bereits seine Schlussfolgerung gezogen und befürwortet nun eine Steuersenkungspolitik, die er einst abgelehnt hatte. Er bedauert die Opfer der Immobilienkrise, erinnert aber zugleich die Häuserbauer an ihre Eigenverantwortung: Immerhin 50 Millionen der 80 Millionen Hausbesitzer würden einen Zweitjob annehmen, Urlaube ausfallen lassen und ihre Ausgaben besser managen, um ihre Raten rechtzeitig zahlen zu können. Das kommt an, wenn auch nicht bei den Betroffenen.

Hartgesottene Ideologen haben keine Chance

Aber noch ist es so und nicht anders: McCain spricht von vier Millionen Hypotheken, die im Zuge der Immobilienkrise nicht rechtzeitig bedient werden können. Demnach haben 76 Millionen der 80 Millionen Besitzer ihr Haus relativ solide finanziert.

47 Millionen Amerikaner sind nicht krankenversichert. Aber das heißt im Umkehrschluss: 250 Millionen schon - wenn auch viele nur notdürftig.

Was für ein krasser Unterschied zum europäischen Denken. Bei neuen Leistungen aus der Staatskasse denkt der typische Europäer: Ich bekomme etwas ab. Der Durchschnittsamerikaner aber denkt: Ich muss etwas geben.

Zu dem einen Prozent der Reichen zählen sich 17 Prozent der Amerikaner.

Am Wahltag spätestens muss sich der Wähler entscheiden, sollte man meinen. Aber auch das stimmt so nicht. Denn gewählt wird zwar nur ein Kandidat, aber einer, der beide Persönlichkeiten in sich vereint. Sehnsucht und Grundüberzeugung sollten idealerweise in ihm verschmelzen, weshalb der warmherzige Idealist genauso wenig Chancen besitzt wie der hartgesottenene rechte Ideologe.

Nur Linke und Rechte wählen, was sie wollen

Deshalb halten die Berater für ihre jeweiligen Präsidentschaftskandidaten grundsätzlich eine Packung Kreide bereit. George W. Bush gab sich im Wahlkampf als "mitfühlender Konservativer" aus; sein Vorgänger im Weißen Haus, Bill Clinton, behauptete, er sei ein "neuer Demokrat".

Nicht alle US-Wähler sind in ihrer Persönlichkeit gestört, das sollte nicht verschwiegen werden. Eine jetzt vorgelegte Studie von Arthur Brooks zum Gemütszustand der Nation fand heraus, dass zumindest an den Rändern des politischen Spektrums, bei Linken und Rechten, Wünsche und Grundüberzeugungen aufs Schönste harmonieren. Nirgendwo sonst im politischen Orbit sei man derart innig mit sich selbst versöhnt.

Der Linke hat kostspielige Wünsche und scheut sich nicht, nach dem starken Staat zu rufen. Die Rechte will mehr persönliche Freiheit und wünscht sich nichts sehnlicher als den Rumpfstaat.

Beide Randgruppen leben in Einklang mit sich selbst, weil Mittel und Ziel im Einklang stehen. Der Selbstzweifel fehlt ihnen.

Extremisten, so scheint es, sind glücklicher.

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insgesamt 21 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
02.04.2008 von Svenner80: Falsche Schlußfolgerung

Wie fast alle anderen Poster (abgeleitet von: Posting) ebenfalls empfinden, scheint das im Artikel beschriebene Problem nicht in den "multiplen Persönlichkeiten" der Amerikaner begründet zu sein, die unkontrolliert mal [...] mehr...

02.04.2008 von chalcedon: Zustimmung bis auf einen Punkt

Das ist natuerlich ein unglueckliches Beispiel. Die Vorraete von Gas, Kohle, Oel und auch Uran sind begrenzt. Sie werden auch schneller aufgebraucht sein als uns lieb ist (Dank Entwicklung strukturschwaecherer Laender). Wenn [...] mehr...

01.04.2008 von thoho: Gabor erkärt die Welt :Teil xy

So langsam entwickelt sich Gabor Steingart zu meinem "Lieblingsjournalisten" (Achtung: Ironie!!!). Die ständige Hillary-Beweihräucherung (inkl. systematischer Desinformation - sprich das Verbreiten von Unsinn) war [...] mehr...

01.04.2008 von Newspeak: ...

Ich glaube gar nicht, daß die Wähler in den USA so widersprüchlich sind. Sie sind es nur aus Sicht der einfach gestrickten Politiker und mancher Journalisten, die sich dem unkritisch anschließen. Wo ist es denn widersprüchlich, [...] mehr...

01.04.2008 von mac4ever: Zufriedenheit

Das ist zunächst mal eine psychologische Analyse. Ob man das positiv oder negativ bewertet, hängt vom Standpunkt ab. Man kann es auch so sehen, daß bei der (oberen) Mittelschicht die Zufriedenheit ziemlich groß ist, wenn [...] mehr...

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