SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, Stimmen zu kaufen? Hatten Sie einen konkreten Verdacht, dass es einen florierenden Markt für Wahlstimmen gibt?
Casadei: Schon vor zwei Jahren hatte unsere Zeitschrift sich ausführlich mit Unregelmäßigkeiten bei der Briefwahl von Auslandsitalienern beschäftigt. Damals hatte Romano Prodi die Parlamentswahlen gewonnen. Dutzende Wähler, aber auch Kandidaten hatten uns damals von solchen Unregelmäßigkeiten berichtet, und ein Kandidat hatte explizit davon gesprochen, dass man schon für fünf Euro einen Stimmzettel kaufen könnte. Genützt haben unsere Artikel aber gar nichts. Für die jetzige Wahl wurde als einzige neue Maßnahme beschlossen, dass die Wahlunterlagen per Einschreiben versendet werden sollten. Aber selbst das ist oft genug nicht passiert. Deshalb wollten wir diesmal schon vor den Wahlen genauer hinschauen – und wir wollten zeigen, wie leicht es ist, die Wahlen zu manipulieren.
SPIEGEL ONLINE: Und wieso sind Sie ausgerechnet nach Köln-Ehrenfeld gefahren?
Casadei: Weil jener Kandidat, der 2006 von Stimmenkauf geredet hatte, diese Stadt und diesen Stadtteil genannt hatte.
SPIEGEL ONLINE: Für wen haben Sie mit den jetzt von Ihnen gekauften Wahlzetteln gestimmt?
Casadei: Uns geht es um eine korrekte Wahl. Alle Stimmzettel, die ich gekauft habe, sind später wieder an die Verkäufer zurückgegangen. Und ich habe ihnen ans Herz gelegt, noch einmal in sich zu gehen.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Stimmen haben Sie selbst gekauft?
Casadei: Ich habe sechs Stimmen gekauft. Und pro Stimme habe ich 25 Euro gezahlt.
SPIEGEL ONLINE: Wo macht man solche Geschäfte?
Casadei: Ich habe in Köln-Ehrenfeld italienische Bars aufgesucht, Restaurants, Pizzerien, Lebensmittelgeschäfte und Metzgereien. Und dort habe ich dann Kunden kontaktiert, mit dem Angebot, ihre Wahlstimme zu kaufen.
SPIEGEL ONLINE: Wie läuft das? Sagen Sie dann einfach, "Ciao, ich kaufe Wahlstimmen, hätten Sie was für mich?"
Casadei: Italiener finden immer Wege. Erst mal redet man darüber, dass ja auch die Ausland lebenden Italiener bei den Parlamentswahlen dabei sind, und dann schaut man, wie politikverdrossen ist der Mensch? Wenn einer großen Abstand zu den Parteien hat, kommt er als Verkäufer sofort in Frage. Für mich war interessant, dass keine der sechs Personen, mit denen ich handelseinig wurde, wissen wollte, für welche Partei, für welchen Kandidaten ich die Stimme kaufe. Das war eine rein kommerzielle Angelegenheit.
SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben 25 Euro pro Stimme gezahlt.
Casadei: Als ich in den Bars und Pizzerien begann, die Verkaufsinteressenten zu sondieren, stellten die erst mal völlig illusorische Forderungen. Einer wollte 800 Euro, um die Miete zu bezahlen, sagte er. Ein anderer sprach gar von 10.000 Euro. Ein Dritter meinte, der übliche Preis wären 50 Euro. Ich bot 25, ich verhandelte auch nicht darüber, und das Angebot wurde dann auch akzeptiert. Mir war klar, dass ich da einen "hohen" Preis bot, wenn zugleich von fünf Euro als üblichem Preis die Rede ist – aber mit unserer Recherche, unserem Artikel wollten wir diesen Markt ja ruinieren.
SPIEGEL ONLINE: Kann man die Dimensionen dieses Marktes wenigstens grob einschätzen?
Casadei: Ich denke, dass wir hier von Tausenden Stimmen reden.
SPIEGEL ONLINE: Worauf stützen Sie sich?
Casadei: Die Leute, mit denen ich sprach, redeten von diversen Kandidaten mehrerer Parteien, die sich auch auf diesem Weg um Stimmen bemühen. Und schon bei den letzten Wahlen gab es Kandidaten, die als chancenlos gehandelt wurden, die dann aber sehr viele Stimmen auf sich vereinen konnten, wir sprechen von Zehntausenden Stimmen.
SPIEGEL ONLINE: Sind das nur bestimmte Parteien – oder sind alle auf diesem Markt dabei?
Casadei: Wir müssen da klar unterscheiden. Es sind nicht die Parteien, die Stimmen kaufen – es sind einzelne Kandidaten. Anders als die Wähler in Italien selbst können die Auslandsitaliener eine, im "Wahlkreis Europa" sogar zwei sogenannte "Präferenzstimmen" für bestimmte Kandidaten auf der Liste einer Partei abgeben; deshalb bemühen sich die einzelnen Kandidaten, mit legitimen wie illegitimen Mitteln die Zahl ihrer persönlichen Stimmen zu erhöhen. Mein Eindruck war, dass beim Stimmenkauf jedenfalls Kandidaten aus allen politischen Lagern dabei sind.
Das Interview führte Michael Braun
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