Von Matthias Gebauer, Bukarest
Bukarest – Es sind zwei ungewöhnliche Dokumente, die am 1. April per E-Mail an die Vereinten Nationen, die deutsche Entwicklungshilfeagentur GTZ, die Bundeswehr aber auch an Hotels wie das "Serena" in Kabul gingen: Von einem roten Rahmen eingefasst und mit der dicken Überschrift "Terrorism" warnt das Bundeskriminalamt (BKA) vor zwei Männern aus Deutschland und lässt an deren Gefährlichkeit keinen Zweifel. Es müsse befürchtet werden, so das Schreiben, dass die beiden Männer in Afghanistan Bombenanschläge gegen Deutsche planten.
Die Fahndungsaufrufe zeigen: Die Behörden sind nervös. Längst ist aus der Annahme, es gebe einen deutschen Kader, der in Sachen Terror gen Pakistan und Afghanistan reist, ein Fakt geworden. Inzwischen sind ganzen Gruppe von jungen Männern - teils konvertierte Deutsche, teils radikalisierte Einwandererkinder - nach ihrer Anwerbung in Deutschland an die Front aufgebrochen.
Die Männer von den Fahndungsplakaten, beide unter 30 Jahre, beide aus dem Saarland, passen in das Schema. Mit dem Türken Cüneyt Ciftci hat sich am 3. März erstmals ein Islamist aus Deutschland in Afghanistan bei einem Anschlag gegen die US-Armee in die Luft gesprengt.Das BKA fürchtet nun, dass weitere Radikale aus Deutschland seinem Beispiel folgen wollen. Aus diesem Grund, so die Darstellung von Sicherheitsexperten, sei die Warnung in Kabul unabdingbar gewesen.
Bei den Islamisten aus dem Saarland handelt es sich um den 20-jährigen deutschen Konvertiten Eric B. und den 24-jährigen staatenlosen Libanesen Houssain al-M., der wie B. einen deutschen Pass hat. Beide werden von den Fahndern im engsten Umfeld der im September 2007 gefassten Sauerlandbomber um Fritz G. verortet. Eric B. wohnte einige Monate vor dem Zugriff mit dem Zellenmitglied Daniel S. in der Saarbrücker Petrusstraße zusammen, er setzte sich unmittelbar vor der Festnahme ins Ausland ab. Auch al-M. unterhielt enge Kontakte zu der Zelle.
Training im IJU-Camp
Durch intensive Recherchen ist sich das BKA sicher, dass die beiden Islamisten in Pakistan ein Terror-Training in Lagern der "Islamischen Dschihad Union" (IJU) absolviert haben. Nachdem sie im Herbst 2007 Deutschland verließen, verfolgten die Fahnder ihre Spur. Zuerst reisten sie nach Ägypten, wo sie eine Koranschule eines aus Deutschland ausgewiesenen Hass-Predigers besuchten. In der Einrichtung in Kairo, so jedenfalls die Arbeitsthese deutscher Fahnder, werden besonders gern deutsche Konvertiten radikalisiert und indoktriniert.
Wenig später fassten Eric B. und Houssain al-M. offenbar den Beschluss - wie die Mitglieder der Sauerlandgruppe - den bei den Fahndern als "Trampelpfad der IJU" bekannten Weg in die Terror-Lager zu gehen. Von Kairo reisten sie Ende November nach Dubai, von dort flogen sie nach Teheran. Dort verliert sich ihre Spur Anfang Dezember, doch die Fahnder gehen fest davon aus, dass sie über die iranisch-pakistanische Grenze nach Wasiristan zogen, wo die IJU mehrere Lager unterhält.
Houssain al-M. jedenfalls kannte den Weg in die Lager, auch wenn sein erster Versuch der gefährlichen Reise dorthin gescheitert war. Gemeinsam mit Tolga D., einem weiteren Verdächtigen im Umkreis der Sauerland-Zelle, hatte er bereits im Sommer 2007 eine ähnliche Route gewählt. Kurz nach der Einreise in Pakistan wurden die beiden vom örtlichen Geheimdienst ISI an einer Bushaltestelle festgenommen, auch ihre Tarnung mit gefälschten afghanischen Papieren nutzte ihnen nichts.
Spur verloren
Den Fall al-M. werten die Fahnder als einen Beleg dafür, wie entschlossen die Männer sein müssen. "Die Festnahme, tagelange Verhöre in Pakistan und letztlich die Abschiebung nach Deutschland haben Houssain al-M. offenbar eher in seiner Absicht bestärkt, in den heiligen Krieg zu ziehen", so ein Beamter des BKA. Statt sich aus Angst vor Verfolgung durch deutsche Behörden vorsichtig zu verhalten, plante der Libanese schon kurz nach seiner Rückkehr nach Deutschland den zweiten Versuch, in die Lager nach Pakistan zu kommen.
Wo sich die beiden deutschen Islamisten gerade aufhalten, wissen die Fahnder nicht. Gleichwohl ist besonders Eric B. für die Terror-Jäger eine Art Alptraum. "Der junge Mann spricht perfekt Deutsch und kann sich in Kabul oder anderswo in Afghanistan ohne jeden Verdacht zu internationalen Einrichtungen verschaffen", so ein Beamter. Deshalb bat das BKA nun alle Kontrolleure an Eingängen und Sicherheitsschleusen, auf B. und al-M. zu achten und Hinweise an die Behörden zu geben.
Intern hoffen die Behörden noch immer auf die letzte Vernunft der beiden. "Wenn sie ihre Bilder irgendwo sehen und merken, dass wir und die afghanischen Behörden sie suchen", so ein Polizist, "geben sie vielleicht ihre schlimmsten Pläne noch auf, weil es zu gefährlich ist." Dass diese Hoffnung bei radikalisierten Islamisten wie Eric B. und Houssain al-M. recht unwahrscheinlich ist, ist dem BKA allerdings bewusst. Mit weltlichen Sanktionen, so die bittere Einsicht, ist ihnen kaum mehr zu drohen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH