Singapur/Paris - IOC-Präsident Jacques Rogge hat erneut die Vergabe der Olympischen Spiele an China gelobt. Das Internationale Olympische Komitee bedauere diese "weise Entscheidung" nicht, sagte Rogge in Singapur. "Wir haben so den enormen Mehrwert, dass wir einem Fünftel der Menschheit den Sport und die Olympischen Spiele gebracht haben."
Zugleich kündigte Rogge an, am Donnerstag und Freitag beim Treffen der IOC-Exekutive in Peking einen Bericht von Amnesty International diskutieren zu wollen, laut dem sich derzeit die Menschenrechtssituation in China verschlechtert. Die IOC-Führung werde auch über die Proteste und mögliche Boykottaufrufe beraten.
Spekulationen über einen Olympia-Boykott sieht der IOC-Präsident jedoch scheinbar gelassen. Auf Regierungsebene gebe es keinen Rückhalt für einen Boykott, sagte Rogge. Lediglich die Teilnahme an der Eröffnungsfeier werde diskutiert. "Es ist Sache der Regierungschefs zu entscheiden, ob sie nach Peking kommen wollen oder nicht."
"Jeder Regelbruch wird Sanktionen nach sich ziehen"
Ob Frankreichs Präsident Sarkozy kommen will, ist derzeit nicht klar. Die französische Staatssekretärin für Menschenrechte, Rama Yade, wies einen Bericht über einen möglichen Boykott der Eröffnungsfeier durch Sarkozy zurück. Die Zeitung "Le Monde" hatte Yade zuvor mit den Worten zitiert, der Staatspräsident mache seine Teilnahme von drei Bedingungen abhängig. Diese seien ein Ende der Gewalt in Tibet sowie die Freilassung der politischen Gefangenen, eine Aufklärung der Ereignisse in Tibet und der Beginn eines ernsthaften Dialogs mit dem Dalai Lama. "Das Wort 'Bedingungen' wurde nie verwendet", hieß es in einer knappen Erklärung Yades.
Der französische Außenminister Bernard Kouchner versicherte China, dass Frankreich keine Bedingungen gesetzt habe. Das würde alle Bemühungen um einen Dialog torpedieren, sagte Kouchner in einem Fernsehinterview.
Derweil sagte Mario Vazquez Rana, Präsident der ab Montag in Peking tagendenden Generalversammlung der 205 Nationalen Olympischen Komitees (ANOC), ein Boykott der Spiele, ob teilweise oder ganz, sei "völlig ausgeschlossen". Man wolle den Sportlern bei den Spielen aber die "größtmöglichen Freiheiten" geben und die freie Meinungsäußerung zulassen, erklärte Rana, schränkte jedoch gleich darauf ein: "Aber immer nur im Rahmen unserer Regeln." Die IOC-Charta verbietet politische Äußerungen und Demonstrationen an den olympischen Sportstätten. So warnte Rana: "Jeder Regelbruch wird Sanktionen nach sich ziehen."
Schlechte Luft könnte sportliche Leistungen beeinträchtigen
Der geschäftsführende hessische Ministerpräsident Roland Koch kritisierte die frühe Absage des deutschen Sports an einen möglichen Olympia-Boykott. "Es war unnötig, so früh zu sagen, dass es keinen Boykott geben soll", sagte der mit dem Dalai Lama befreundete CDU-Politiker der "Welt am Sonntag". Koch sagte, er finde auch, "dass das Stattfinden der Olympiade eine größere Chance für die tibetische Sache ist als der Boykott. Aber es gibt eine kritische Grenze."
Doch nicht nur die politische Lage in China gibt Anlass zu Diskussionen, sondern auch der Smog in Peking. Der IOC-Präsident versuchte auch in diesem Punkt zu beruhigen: "Die Gesundheit der Athleten ist absolut nicht in Gefahr", sagte Rogge. Allerdings sei es möglich, "dass einige eine etwas geringere Leistung erbringen".
Angesprochen auf die Marathon-Absage des äthiopischen Spitzenathleten Haile Gebrselassie, sagte Rogge: "Haile Gebrselassie ist wohl der beste Langstreckenläufer der jetzigen Generation." Er habe aber "leicht Asthma". Rogge schließt nach eigenem Bekunden nicht aus, dass Gebrselassie seine Entscheidung angesichts der vom IOC präsentierten Umweltdaten überdenken könnte.
Die politische Führung in Peking hat angesichts der anhaltender Proteste gegen die chinesische Herrschaft in Tibet unterdessen bekanntgegeben, die tibetische Mönche umerziehen zu wollen. Die staatliche Tageszeitung "Tibet Daily" zitierte einen hochrangigen Parteivertreter, der "die Stärkung der patriotischen Bildung" als oberste Priorität bezeichnet habe. Mehr als eine Million Chinesen haben außerdem laut offiziellen Angaben eine Petition im Internet unterschrieben, in der sie die Tibet-Berichterstattung der westlichen Medien als verzerrt kritisieren.
tno/Reuters/AP/AFP/sid
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