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06.04.2008
 

Menschenrechte in China

"Wir fordern unabhängige, glaubwürdige Ermittlungen in Tibet"

2. Teil: Wen Kejian über seine Erfahrungen mit der Polizei 

SPIEGEL ONLINE: Menschenrechtler wie Hu Jia und Yang Chunlin wurden verhaftet und verurteilt, weil sie mit ausländischen Medien sprachen. Wie gefährlich ist es für Sie, mit uns zu sprechen?

Wen: Es gibt immer ein Risiko und einen Preis, den Menschen bezahlen müssen. Wir dürfen nicht zu viel sagen und nicht zu kritisch sein. Wir müssen unser Verhalten genau kalkulieren. Nur dann gibt es eine Chance, dass unsere Stimme gehört wird und wir uns trotzdem nicht in Gefahr begeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind momentan auf einer Konferenz der Organisation "International PEN" in Glasgow. Dort setzen Sie sich für Journalisten ein, die im Gefängnis sind. Wie war Ihre Ausreise aus China?

Wen: Ich konnte problemlos ausreisen. Das ist nicht immer so: Im vergangenen Dezember wurde ich von der Polizei an einem Treffen mit der Organisation gehindert. Die Beamten riefen mich an, ich traf sie daraufhin in der Nähe meines Hauses. Die Polizisten sagten mir, ich solle nicht nach Peking reisen, da das Treffen verboten sei. Die Olympischen Spiele sind ein sensibles Ereignis – wir vermuten, dass unser Treffen deswegen verboten wurde.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Polizei ihr Vorgehen begründet?

Wen: Sie verbieten nicht direkt, dass wir uns treffen. Sie ersuchen uns, es nicht zu tun. Dann müssen wir uns entscheiden. Wir können die Warnung ignorieren, oder wir können eine freundliche Beziehung mit der Polizei pflegen. Wenn es nicht um etwas essentiell Wichtiges geht, dann vermeiden wir den direkten Konflikt.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert, wenn Sie solche Warnungen ignorieren?

Wen: Dann werden uns Maßnahmen angedroht. Manchmal bezieht sich die Polizei dabei auf Fälle aus der Vergangenheit. Im Februar vergangenen Jahres hatte PEN eine Versammlung in Hongkong. Ein Kollege von mir wollte trotz Warnung dorthin fahren. Er wurde am Flughafen abgefangen, und seine Reisedokumente wurden ihm abgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft hatten Sie Kontakt mit der Polizei?

Wen: Ich bin häufig belästigt worden. Entweder wegen kritischer Artikel, die ich veröffentlicht habe, oder wegen Auslandsreisen, die ich unternommen habe. Durch solche Aktivitäten bringt man die Aufmerksamkeit der unliebsamen Gäste auf sich. Rund 40 meiner Kollegen sitzen im Gefängnis.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich von den Olympischen Spielen?

Wen: Ich werde nicht sagen, dass ich dafür bin, die Olympischen Spiele zu boykottieren. Ich hoffe, dass China und die internationale Gemeinschaft das Beste aus diesem Ereignis machen. Menschen aus dem Ausland können bei diesem Ereignis die Kontrolle der Regierung umgehen. Sie können direkter mit dem chinesischen Volk sprechen. Die Chinesen werden dann vielleicht verstehen, in was für einem politischen System sie leben, und entscheiden, mit was für Werten sie in der Zukunft leben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Beschreiben Sie die Stimmung, die im chinesischen Volk vorherrscht.

Wen: Die Menschen beginnen nachzudenken. Aus den Medien lernen sie, dass das Ausland sie boykottieren will. Das wundert die Menschen. Die Regierung füttert sie mit Information, dass es eine Verschwörung der westlichen Länder gegen China gibt – aber viele Menschen in China sehen auch das kritisch. Es ist doch verwunderlich, wenn sich Sportler, Journalisten und Politiker gegen ein ganzes Land wenden. Es braucht Zeit für die Chinesen, das zu realisieren.

Das Gespräch führte Anna Starke.

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