Aus San Francisco berichtet Cordula Meyer
All das will der chinesischstämmige Alex Li aus San Jose nicht hören. "Warum hijackt ihr diese Veranstaltung? Warum? Ihr liegt einfach falsch", brüllt der Software-Ingenieur dem Radler wütend entgegen. "Die Spiele sind für die Menschen in China, nicht für die Regierung. Aber mit diesen Protesten stellt ihr euch gegen die chinesischen Menschen. Ihr könnt protestieren. Aber warum hier? Warum jetzt?"
In San Francisco leben viele Asiaten und besonders viele Chinesen. Die Wirtschaftsbeziehungen und andere Verbindungen nach China sind besonders eng. Deshalb wurde San Francisco als einzige Stadt in den USA für den Fackellauf ausgewählt. Eine Route durch Chinatown wurde aus Sicherheitsgründen schon früh verworfen. Aber jetzt, wo sie der Fackel noch nicht einmal zujubeln dürfen, fühlen sich viele Chinesen betrogen. "Ich bin stolz auf die Olympiade, ich bin stolz auf Peking und mein Land", sagt Dan Liu, die im Umland von San Francisco wohnt. Sie sagt, sie habe den Dalai Lama, den spirituellen Führer Tibets immer gemocht, aber seitdem er die Olympiade für seine politischen Ziele nutze, "seitdem hasse ich ihn."
Mit dem Kinderwagen auf die Golden Gate Brücke
Unter den Tibet-Aktivisten ist auch der Lehrer Laurel Sutherlin. Dem Hobby-Kletterer war es zusammen mit zwei Gleichgesinnten gelungen, am Dienstag die Golden Gate Brücke zu erklimmen, um riesige Banner mit der Aufschrift "Free Tibet 2008" zu entrollen. Jetzt versucht er schon wieder, Demonstranten besonders effektiv an der Route zu plazieren, nachdem er erst um ein Uhr nachts aus dem Gefängnis entlassen wurde. "Wir haben unsere Banner in Kinderwagen versteckt auf die Brücke gebracht", erzählt er von seiner Aktion. "Und wir wussten, dass wir in 90 Sekunden oben sein mussten, weil die Polizei zwei Minuten brauchen würde. Und so hat es auch geklappt."
Sutherlin hofft, dass der Fackellauf "zum PR-Desaster für Peking wird". Mit den Protesten wolle er verhindern, "dass die Fackel durch Tibet getragen wird. Denn sonst gibt es dort Proteste und wieder Tote und das Olympische Komitee hätte Blut an den Händen." Sutherlins Kletterei war spektakulär, aber nur eine von vielen Protestaktionen gegen China in San Francisco. Burmesische Mönche marschierten über die Golden Gate Brücke. Am Dienstag versammelten sich mehrere tausend Demonstranten mit Kerzen auf dem Platz der Vereinten Nationen im Zentrum der Stadt: Mönche in Kutten, alternde Hippies mit Pferdeschwanz, tibetanische Studenten mit schwarzen Stirnbändern. "Stellt China bloß! China lügt!", skandierten sie.
Sogar Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu war gekommen. "Menschen haben für uns in Südafrika demonstriert", sagte er, jetzt sei es an der Zeit, für die Unterdrückten in Tibet zu demonstrieren. Er appellierte an die Staatschefs, an Präsident Bush. "Um der Menschen in Tibet willen: Geht nicht zur Eröffnungsfeier. Geht nicht!" Schauspieler Richard Gere, selbst Buddhist und ein Verehrer des Dalai Lama, betete mit Mönchen auf der Bühne. Er beschwor die Demonstranten, einen "gewaltfreien Pfad" zu wählen. Und er sagte, er habe wohl noch nie so viele Interviews zu Tibet gegeben, wie in den letzten Tagen.
Und deshalb war es nicht ganz falsch, als die Protestgruppen von "Team Tibet" um kurz nach vier Uhr Ortszeit in San Francisco per SMS den "Sieg" verkündeten. "Die Fackel ist auf der Autobahn, Richtung Flughafen, auf der Flucht", schrieben sie. Die Organisatoren hatten Minuten vorher auch noch die Abschlusszeremonie in einem Park mit Live-Musik und VIP-Zelt abgesagt. Statt fröhlicher Feiern zeigten Live-Kameras aus Hubschraubern, wie der Bus mit der Fackel eilig Richtung Flughafen brauste.
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