Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt
Kapstadt - Die Ministerin wollte besorgte Bürger beruhigen, die sich wegen der ausufernden Kriminalität in ihrer Nachbarschaft verunsichert fühlen. Es sollte also eine Informationsveranstaltung werden, wie sie die stellvertretende südafrikanische Sicherheitsministerin Susan Shabangu in den vergangenen Wochen schon häufiger organisiert hatte.
Fünf Stunden hatte sie sich Zeit genommen, um in Danville, einem Vorort der Hauptstadt Pretoria, mit Bewohnern der umliegenden Stadtviertel über Kinderschutz, Drogen- und Alkoholmissbrauch zu diskutieren. Wie die vorangegangenen Veranstaltungen wäre wohl auch diese folgenlos geblieben. Wenn nicht die seriöse Kapstädter Tageszeitung "Cape Times" zwei Tage später mit der Schlagzeile erschienen wäre: "Tötet die Bastarde."
In der überfüllten Aula der Elandspoort High School in Danville habe die Vize-Ministerin die Polizei unverhüllt zum Mord aufgerufen, berichtet das Blatt am Donnerstag. "Ich versichere den Polizeioffizieren, den Polizistinnen und Polizisten, dass sie die Erlaubnis zum Töten der Verbrecher haben." Die ANC-Politikerin habe hinzugefügt: "Wir haben euch Waffen gegeben. Also benutzt sie nun auch." Um Gesetze brauche sich dabei niemand zu scheren. "Das ist meine Verantwortung."
"Ihr habt nur einen Schuss frei"
Die 52-jährige Witwe, die aus der Gewerkschaftsbewegung Südafrikas kommt, habe keinen Zweifel daran gelassen, dass sie es Ernst meint: "Ich möchte keine Warnschüsse. Ihr habt nur einen Schuss frei und das muss der Todesschuss sein. Wenn es ein Fehlschuss ist, werden die Verbrecher Euch killen. Sie schießen nicht vorbei."
Irgendwelche "pathetischen Entschuldigungen" werde sie nicht länger tolerieren. "Wenn Kriminelle es wagen, die Polizei oder die Existenz und das Leben unschuldiger Männer, Frauen und Kinder zu bedrohen, müssen sie getötet werden. Basta." Die Verfassung sage zwar, dass auch Kriminelle Schutz genössen. "Aber ich sage: nein, nein, nein," wird die aufgebrachte Ministerin zitiert - die Bürger und Polizisten in der Schulaula hätten ihr stehend applaudiert.
Der Ausbruch der Vize-Ministerin kommt für Südafrikas Regierung zur Unzeit. Mit zweifelhaften Kriminalitätsstatistiken hatten die Sicherheitsbehörden in den vergangenen Monaten versucht, das Image des Gastgeberlandes für die Fußball-WM 2010 aufzupolieren. Dabei sprechen die Zahlen eine eindeutige Sprache: Mit rund 20.000 Morden, ebenso vielen Mordversuchen, etwa 130.000 blutigen Raubüberfällen und 50.000 Vergewaltigungen ist Südafrika weltweit eines der unsichersten Länder.
Touristenhochburg als Mörderhauptstadt
Die Touristenhochburg Kapstadt gilt sogar als "Mörderhauptstadt" der Welt. Zwar ist es den Behörden der Kap-Metropole durch massiven Polizeieinsatz und freiwillige Helfer in den zurückliegenden Monaten wenigstens gelungen, Touristenattraktionen wie den Tafelberg wieder einigermaßen sicher zu machen. Aber immer wieder schrecken spektakuläre Verbrechen die Südafrikaner auf: Im Oktober vergangenen Jahres wurde das afrikanische Reggae-Idol Lucky Dube in Johannesburg auf offener Straße erschossen. In Kapstadt wurde im November der angesehene Jura-Professor Mike Larkin in unmittelbarer Nähe seines Hauses im bürgerlichen Wohnviertel Rondebosch abgestochen.
Selbst Südafrikas bestgesicherte Objekte sind nicht mehr sicher: Im November 2007 stürmten vier mit Maschinenpistolen bewaffnete Gangster das Atomforschungszentrum Pelindaba, einen Hochsicherheitstrakt, in dem die frühere Apartheidsregierung Atomwaffen hergestellt hat. Die Täter schossen einen Mitarbeiter nieder. Selbst bei der Gruppenauslosung für die Fußball-WM konnte im vergangenen November in Durban ein massives Polizeiaufgebot nicht verhindern, dass der österreichische Ex-Fußballstar Peter Burgstaller auf dem Golfplatz ermordet wurde.
Spektakuläre Fälle wie diese machen Schlagzeilen. Doch vor allem die tägliche Kriminalität ist in Südafrika offenbar nicht zu bändigen. Der "Consumer Goods Council", eine Art Mittelstandsvereinigung der südafrikanischen Industrie, beklagt, dass der Wirtschaft des Landes allein im vergangenen Jahr durch die wachsende Kriminalität ein Schaden in Höhe von 3,5 Milliarden Rand (etwa 350 Millionen Euro) entstanden sei.
Wirklich sicher kann sich niemand fühlen. Die Nobelviertel in Johannesburg, Pretoria und Kapstadt gleichen Festungen: Elektrozäune, Kameras und Alarmanlagen schirmen die Anwesen ab. Wird elektronisch ein Alarm gemeldet, sind binnen Minuten bewaffnete Privatpolizisten zur Stelle. Im Gegensatz zum zögernden Staatspräsidenten Thabo Mbeki hat sein Rivale, ANC-Parteichef Jacob Zuma, die Kriminalität als "nationalen Notstand" bezeichnet, eine Diskussion über die Wiedereinführung der Todesstrafe angestoßen und die Bürger zum Kampf gegen das Verbrechen aufgerufen.
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