Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt
Weil sie der oft unterbesetzten, schlecht ausgebildeten und häufig korrupten Polizei nicht mehr trauen mögen, greifen daher immer mehr Bürger zur Selbsthilfe: Sie bilden Bürgerwehren. Nach Feierabend schnallen sie ihre Colts um und fahren Streife in ihren Wohnvierteln. Teils sind sie per Funk mit der Polizei verbunden, teils mit den privaten Sicherheitsdiensten.
Vor allem in Kapstadt formieren sich immer mehr dieser Selbsthilfegruppen. In Tamboerskloof, einem Kapstädter Villenviertel, haben sich 600 Anwohner in einer Bürgerwehr organisiert. Sie sind mit 120 Funkgeräten ausgerüstet und sorgen nachts für Sicherheit auf ihren Straßen. Lewis Lynch, Sprecher der Gruppe, lobt vor allem die enge Zusammenarbeit mit der Polizei. Sie sei jetzt in weniger als zwei Minuten zur Stelle, wenn sie von der Bürgerwehr zu Hilfe gerufen werde. Die Zahl der Verbrechen sei seit dem vergangenen Jahr um 80 Prozent gesunken, meldet er stolz.
In Green Point, wo das neue WM-Stadion gebaut wird, informiert die Polizei die Anwohner regelmäßig per E-Mail über drohende Gefahren, neue Methoden der Gangster und aufgedeckte Verbrechen. Die streitbaren Bürger in ihren Selbsthilfegruppen nutzen moderne Kommunikationstechniken: GPS, Internet, E-Mail.
Warnung vor Anarchie und Chaos
Im Kapstädter Vorort Bergvliet können die Hilfssheriffs der Bürgerwehr sogar die Autonummern verdächtiger Fahrzeuge in ihre Handys eintippen und bekommen sekundenschnell Antwort, ob der Wagen als gestohlen gemeldet ist oder nicht. Der Projektmanager der "Crime Watch" im Stadtteil Milnerton, Craig Pederson, ist sogar überzeugt: "Wir haben landesweit die modernste Ausrüstung zur frühzeitigen Aufdeckung von Verbrechen." Aber es geht um mehr: "Wir wollen, dass die Kriminellen nicht nur in Arrest genommen, sondern auch verurteilt werden."
Nach Susan Shabangus Aufruf zum Töten ging ein Aufschrei durch die kriminalitätsgeplagte Kap-Republik. Die südafrikanische Menschenrechtskommission, Oppositionsparteien wie die Demokratische Allianz und die Unabhängigen Demokraten sowie Juristenvereinigungen sind sich einig: Das war ein klarer Aufruf zum Rechtsbruch. Die Ministerin habe sich über die Verfassung gestellt. Sie warnen einhellig vor Anarchie, Chaos und Rechtlosigkeit auf Südafrikas Straßen. Die Ministerin müsse zurücktreten.
Eine unabhängige Kommission, die im Auftrag der Regierung Polizeiübergriffe untersucht, erklärte, die Colts säßen ohnehin schon locker genug. Die Zahl der bei der Ausübung von Verbrechen durch die Polizei Getöteten sei allein von 2006 bis 2007 um elf Prozent gestiegen. Bei Fluchtversuchen seien im gleichen Zeitraum sogar 19 Prozent mehr Menschen erschossen worden.
"Jagt die Bastarde und knallt sie ab"
Aber Shabangu bekommt auch begeisterten Zuspruch. Die rechtsextreme "Freiheitsfront" tönt: "Das ist das richtige Signal." In Radiosendungen bekennen unter dem Schutz der Anonymität immer mehr Polizisten, dass sie auf ein solches Zeichen ihrer Chefs zum Losschlagen gewartet hätten. Denn die Zahl der in Ausübung ihres Berufes getöteten Polizisten steigt ebenfalls rasant. "Jagt die Bastarde und knallt sie ab", gab denn auch ein anonymer Polizeioffizier in einer Morgensendung als Parole aus.
So neu scheint das für die Polizei in Südafrika aber auch nicht zu sein: Im vergangenen Jahr hat sie in der Provinz Gauteng nach einen Tipp über einen geplanten Überfall auf einen Geldtransporter einen Hinterhalt gelegt und die Gangster ohne jeden Warnschuss kaltblütig erschossen.
Die in die Schlagzeilen geratene Vize-Ministerin ließ jedenfalls durch ihre Sprecherin Noxolo Kueza am Freitag erklären: "Ich nehme kein Wort von dem zurück, was ich gesagt habe."
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