Von Gabor Steingart
Alan Greenspan und Ben Bernanke haben mehr Ähnlichkeit mit den beiden Tigerdompteuren Siegfried und Roy, als uns allen recht sein kann.
Die Magier aus Las Vegas begeisterten jahrzehntelang mit ihren schneeweißen Raubkatzen, die sie scheinbar mühelos durch brennende Reifen schickten. Sie nannten sich "Masters of the Impossible", die Meister des Unmöglichen.
Der legendäre Notenbankpräsident und sein Nachfolger wussten ebenfalls zu faszinieren - mit einer Politik der wundersamen Geldvermehrung, die den USA eine der längsten Wachstumsperioden der Neuzeit bescherte. Sie galten vielen als "Masters of the Universe", als Meister des Universums. Fast schien es, als hätten die Notenbanker mit ihren dauernden Zinssenkungen den Raubkatzenkapitalismus gezähmt.
Siegfried und Roy wirkten zeitweise sogar wie mit ihren Katzen in Harmonie vereint - bis zu dem Tag, an dem alles außer Kontrolle geriet. Ein Tiger biss Roy mitten in der Show in den Hals, drohte ihn bei lebendigem Leibe zu zerfleischen.
Greenspan und Bernanke sind entzaubert
Auch Greenspan und Bernanke gelten mittlerweile als entzaubert, ihre Magie ist erloschen, ihr Image zerzaust - durch Immobilienkrise und Dollarverfall. Nur schadet das wilde Treiben an den Finanz- und Währungsmärkten nicht ihnen persönlich. Weitgehend wertlose Aktien, faule Hauskredite und der Dollar im Sinkflug schädigen Millionen von Anlegern und Kleinsparern.
Es ist, als wäre der Tiger ins Publikum gesprungen.
Dabei sollten wir weder dem Zirkustiger noch den Raubkatzen der Finanzmärkte ihren archaischen Charakter vorhalten. Ihre Grausamkeit liegt in der Natur der Sache. Ihre unmissverständliche Botschaft: Bis hierher und nicht weiter.
Im Falle der Immobilienkrise, die mit Zeitverzögerung die Banken erreicht hat und nun die Aktienmärkte insgesamt verunsichert, zeigen die Märkte sogar an, was Politiker und Notenbank-Gouverneure am vergangenen Wochenende erneut verschwiegen haben: Das Leben der Amerikaner muss sich ändern - oder es wird gewaltsam verändert.
Unter Schmerzen endet der "American Way of Life"
Der kreditfinanzierte Konsumrausch der vergangenen Jahre geht unter Schmerzen zu Ende. Der heutige American Way of Life hat keine Chance, die kommenden Jahre unbeschadet zu überstehen. Das Virus innerhalb des Finanzsystems wird so lange weiter wüten.
Die Immobilienkrise dürfte bald auch die ersten Kreditkarteninstitute erreichen, von dort springt er mutmaßlich über auf Autohersteller, Möbelproduzenten und alle anderen Unternehmen, die ihre Absatzsteigerungen einer wachsenden Kreditfinanzierung verdanken. "Das Virus infiziert sich durch", sagt das Vorstandsmitglied einer Großbank. (Im Gegenzug für die Schonungslosigkeit der Analyse bat er um Vertraulichkeit.)
Sein Argument: Wer Hauskredite an Menschen vergibt, die praktisch zahlungsunfähig sind, schaut auch bei den Möchtegernkäufern von Kühlschränken, Autos und Möbeln nicht so genau hin. Und in der Tat, erst kürzlich warb ein Möbelhaus in Miami mit folgendem Angebot: heute abholen, erste Rate in drei Jahren, keine Anzahlung nötig.
Der kreditfinanzierte Lebensstil ist typisch für die USA dieser Tage. Viele Menschen schließen die Lücke zwischen ihrem bisherigen Lebenstil und dem geschrumpften Gehalt durch Kredite. Das Leihgeld wirkt wie ein Betäubungsmittel gegen die Zumutungen der Globalisierung. Kein Wunder: Seit Jahren wächst der Schuldenberg der Privathaushalte pro Werktag um vier Milliarden Dollar.
Auf anderen Social Networks posten:
Es liest sich ja fast so, als ob die Amerikaner eine neue Art des Sozialismus erfunden hätten, nämlich so eine Art Kreditsozialismus, dessen Merkmal darin besteht, dass jeder, ohne große Sicherungen einbringen zu müssen, einen [...] mehr...
Ich habs mal gekürzt, damit ich auch noch was schreiben kann ;) 1. Sie haben recht. 2. Das Problem, was Sie ansprechen, ist aber kein "US-Problem", zumindest keines, dass nur in den USA grasiert. Wenn ich mich [...] mehr...
Wie bekannt kommt einen so was vor? Was war 1929? Klar, jetzt kommt der Aufschrei, andere Rahmenbedingungen uws usw. Aber liebe Leute, so ernst ist es doch gar nicht, bisher ist noch Brooker aus dem Fenster gesprungen. Wir sind [...] mehr...
...diese Schilderungen sind wirklich haarsträubend. Es ist zwar schon seit einiger Zeit absehbar, dass da einiges im Argen liegt, aber ein völlig verantwortungsloser Umgang mit Geld in diesem Ausmaß? Da ist es wirklich nicht [...] mehr...
Die Hoffnung stirbt zuerst! Ich glaub so heißt es doch? Oder kann man in diesem Desaster noch soviel Optimismus aufbringen? Monatsanfang im Ulmer Stadthaus Vortrag mit mit Prof. Dr. Norbert Walter, die Nr. 2 der Deutschen [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema West Wing | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH