Von Gabor Steingart
Nun wäre das alles halb so schlimm, wenn die US-Wirtschaft wenigstens im Ausland erfolgreich wäre. Aber das ist sie schon lange nicht mehr. Trotz des fallenden Dollars, der alle Einfuhren in die USA enorm verteuert und alle Ausfuhren deutlich verbilligt, lassen sich die US-Waren weltweit kaum losschlagen. Entgegen der Erwartung von Notenbank und Finanzministerium hat sich das Defizit in der Handelsbilanz weiter vergrößert, im Februar um knapp sechs Prozent. Die Amerikaner haben allein in diesem Monat für 62 Milliarden Dollar mehr Waren ein- als ausgeführt, darunter auffällig viele Autos, Computer und Pharmazieprodukte.
Die Mehrzahl der privaten Haushalte kann das Konsumwunder beim besten Willen nicht mehr verlängern. Das Sparverhalten vieler Amerikaner gleicht mittlerweile dem einer afrikanischen Großfamilie. Man lebt von der Hand in den Mund.
Doch Bernanke tut nichts, den Kredithunger zu dämpfen. Der ehemalige Bush-Berater versucht sogar, den schuldenfinanzierten Konsum mit Zinssenkungen weiter anzuheizen. Auch weil diesem Geld keine realen Werte gegenüberstehen, steigt die Inflation. Die Geldentwertung in den USA beträgt derzeit vier Prozent.
Verkehrte Welt: Die privaten Banken, die in jüngster Zeit Abschreibungen in Milliardenhöhe zu verbuchen hatten, sind vorsichtiger geworden. Sie wollen keine weiteren Unwägbarkeiten. Die bisherigen Rücktritte in den Chefetagen von Citigroup und Bear Stearns wirken disziplinierend. Auch unter Topbankern gilt: Einer stirbt, und Tausende zittern.
Die Notenbank aber drängt die Zitterbacken zum Risiko. Seit etwa einem halben Jahr lässt die Federal Reserve Liquiditätsspritzen in den Markt geben und versucht in vertraulichen Gesprächen mit Vorstandsmitgliedern, die privaten Banken zur weiteren Kreditvergabe zu ermuntern. Diese sollen den Konsumrausch von Kleinkunden und Mittelständlern nicht nur weiter finanzieren, sondern ihn nach Möglichkeit noch stimulieren - aus patriotischen Gründen.
Der Ehrenkodex verbietet, über das Desaster zu sprechen
Das richtige Wort für diese Politik heißt Wahnsinn.
Aber weil dieser Wahnsinn Methode hat, wurde beim Treffen der mächtigen Notenbankchefs und Finanzminister am vergangenen Wochenende offiziell dazu geschwiegen. Nur außerhalb der Sitzungsräume wird getuschelt - über das vergiftete Erbe von Alan Greenspan und die Verantwortungslosigkeit von Bernanke.
Ein Teilnehmer sagte mir: "Es gibt einen ungeschriebenen Ehrenkodex, der besagt, dass sich die Notenbank-Gouverneure untereinander nicht kritisieren." Das gebiete schon der Respekt vor der Unabhängigkeit der Zentralbanken.
Von allein dürften die USA so schnell wohl kaum zur Einsicht gelangen. "Die USA werden das Vernünftige tun", soll einst Britenpremier Winston Churchill gelästert haben, "aber erst, nachdem sie alle anderen Alternativen ausprobiert haben."
In ihrer Sturheit sind sich Tigerdompteure und Notenbanker wieder ziemlich ähnlich. Ein zusammengeflickter Roy will bald erneut auf der Showbühne in Las Vegas stehen. Die trotzige Ankündigung des Abends: "The Magic is back."
Alan Greenspan zeigte sich am Wochenende ähnlich unverwüstlich. Obwohl die Kritik an seiner Politik des billigen Geldes nur getuschelt wurde, meldete sich der 82-Jährige zu Wort: "Früher wurde ich oft für Dinge gelobt, die ich nicht getan habe. Heute werde ich für Dinge verantwortlich gemacht, die ich nicht getan habe", sagte er.
Über falsches Lob hat er sich früher allerdings nie beschwert.
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