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Lebensmittelkrise in Ägypten Jagd auf das tägliche Brot

2. Teil: Für Ägypten ist die Preissteigerung wie ein Erdbeben, das einfach so passiert ist

Von Biosprit für ökobewusste Westler, der aus essbaren Gewächsen gewonnen wird, haben die meisten Menschen hier noch nie gehört. Genauso wenig wie von den Bevölkerungsexplosionen in China und Indien, die die Lebensmittel-Weltmärkte leer kaufen. Sie wissen nur, dass das Leben hart geworden ist - und das hat sie vor rund zwei Wochen in der Industriestadt Mahalla, eineinhalb Autostunden von Kairo entfernt, zum ersten Mal seit langem wieder auf die Straßen getrieben. Trotz Streikverbot protestierten dort Zehntausende zwei Tage lang gegen die Preissteigerung. Randalierer schürten – vermutlich im Auftrage des Staates - den Volkszorn, Schulen und Geschäfte brannten. Die Polizei griff hart durch, Hunderte wurden verhafttet, mindestens ein Jugendlicher starb. Es war ein Vorgeschmack dessen, wovor Weltbank-Direktor Robert Zoellick jüngst in Washington warnte: "Politische Unruhen" und "soziales Chaos", ausgelöst vom Hunger der Armen.

Dass die Masse Macht hat, zeigte sich, als zwei Tage nach den Unruhen in Mahalla der ägyptische Premierminister höchstselbst der Stadt einen Besuch abstattete und die Arbeiter mit einem Monatslohn-Bonus ruhig zu stellen versuchte. Enorm gestiegene Lebensmittelpreise, die Aufstände auslösen: Dass das Regime in Kairo nervös ist, liegt daran, dass Nahrung der kleinste gemeinsame Nenner ist.

Auch die Reichen klagen

Die "Community Times", das Hochglanz-Magazin für wohlhabende, englischsprachige Kairoer widmete in ihrer neuesten Ausgabe gar seine Titelgeschichte dem "Neuen Gesicht des Hungers". Zielgruppengemäß kommen ein Chemie-Professor und reiche Hausfrauen zu Wort, letztere beschweren sich, dass das Fisch-Filet im Restaurant so teuer geworden sei. Ein Luxusproblem - aber ein Symptom dafür, dass der Unmut wächst, auch bei den Privilegierten. Es sind nicht länger nur die Arbeitslosen oder die politisch anders Denkenden, die murren. Welch eine Ironie, wenn das Regime über ein Problem stolpern sollte, das es ausnahmsweise nicht zuerst selbst verschuldet hat – gegen eine weltweite Lebensmittelknappheit kommt auch das System Mubarak nicht an.

Wenn man lange hinhört auf dem Straßenmarkt von Boulek al-Dakrur, wenn man weggeht von den aufmerksamen Lauschern, die jedem Interviewten Ermahnungen zuraunen wie "Sag ja nichts Schlechtes! Beleidige nicht die Nation!", dann hört man das, was vielleicht die wahre Stimme Ägyptens ist: "Gott wird sie alle strafen." So macht Hosmeia ihrem Zorn auf die Obrigkeit Luft.

"Die Leute können kein Brot kaufen"

In einem Land, in dem die Wirtschaft vergangenes Jahr um sieben Prozent wuchs, in dem sich die Verkaufszahlen von Neuwagen in fünf Jahren vervierfacht hat, ist Hosmeia bitter arm – so, wie die Mehrheit ihrer Landsleute. Ihr Mann arbeitet "einen Tag ja, zehn Tage nein". Er kehrt die Straßen, sie hilft ihm dabei. Fünf kleine Kinder haben die beiden, sie schaffe es manchmal nicht, Brot für alle zu kaufen. "Wir müssen schon fast weinen", sagt die 37-Jährige. Vor einem Monat seien die Preise schlagartig in die Höhe geschossen, warum, wisse sie nicht. Eins aber sei gewiss: Wenn sich die Lage nicht bessere, werde es neue, größere Demonstrationen geben – auch wenn das illegal sei. "Sie lassen uns doch keine Chance", sagt Hosmeia. "Wenn ich meinen Kindern Essen geben will, muss ich entweder klauen oder das Verbotene tun und demonstrieren."

Allein die zwei Kinder des Konditors mit dem schönen Namen Mabruk, "Glückwunsch", dürften sich freuen über die Lage der Dinge in Ägypten. Mabruks Torten sind teurer geworden, weil auch Nüsse, Schokolade und die importierten Streusel im Preis gestiegen sind. Mabruk, den sein weißes Käppchen und ein Rauschebart als strenggläubigen Muslim kennzeichnen, sieht die Lage realistisch: "Die Leute können kein Brot kaufen, da kaufen sie erst recht keine Torten", sagt der 30-Jährige. Viele der süßen Teilchen, die er in seiner Vitrine feilbietet, stehen deshalb auch bei Geschäftsschluss noch unverkauft im Kühlen.

Und so bringt Mabruk seit ein paar Monaten zwar weniger Geld nach Hause, die Kinder jubeln trotzdem, wenn sie den Vater sehen: Denn die Süßigkeiten, die er tags nicht verkauft hat, gibt es abends daheim zum Nachtisch.

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