Von Gabor Steingart, Washington
In der Meinungsforschung gibt es den sogenannten Bradley-Effekt, benannt nach Tom Bradley. Der farbige demokratische Bürgermeister von Los Angeles war 1982 kalifornischer Governeurskandidat und lag in allen Meinungsumfragen bis zum Schluss vorn. Am Wahltag aber fiel er durch.
Demokratische Bewerber Obama, Clinton: Welche Rolle spielt die Hautfarbe?
In der Demokratischen Partei des Jahres 2008 ist nun die verschärfte Variante des Bradley-Effekts zu beobachten. "Es gibt kein schwarzes Amerika, kein weißes Amerika, kein Amerika der Lateinamerikaner und kein asiatisches Amerika - es gibt nur die Vereinigten Staaten von Amerika", sagt Barack Obama. Eine Vielzahl prominenter Wahlhelfer aller Hautfarben, von Bill Richardson über Ted Kennedy bis Jesse Jackson, scheinen ihn zu bestätigen. Die öffentliche Euphorie aber stößt zunehmend auf den Widerstand einfacher demokratischer Wähler.
In der Partei, die sich selbst "Party of the People" (etwa: "Partei der kleinen Leute") nennt, wird anders gejubelt als gewählt. Öffentlich ist man inspiriert, am Wahltag aber wird abgerechnet. Mittlerweile muss man wohl von einem "Obama-Effekt" sprechen.
Ist Obama Teil des Ganzen oder Teil eines Teils?
Ein nicht unbeträchtlicher Teil des einfachen Parteivolkes, Arbeiter und Rentner vor allem, wählt entlang der Grenze von Hautfarbe und Abstammung. Die Fragen, die sie beschäftigen, sind politisch relevant, aber nicht politisch korrekt. Ist Obama ein Amerikaner schwarzer Hautfarbe oder ein Schwarzer mit amerikanischem Pass? Ist er ein Fremder oder fremdelt er bloß? Ist er Teil des Ganzen oder Teil eines Teils? Ausgerechnet der Kandidat, der als Versöhner auftritt, scheint zu spalten. Das Partei-Establishment diskutiert seit Tagen über seine Wählbarkeit.
Als die Obama-Euphorie noch etwas Spielerisches besaß, wählten Weiße in nennenswertem Umfang schwarz und Schwarze wählten weiß. In den Bundesstaaten Iowa, Kansas, Idaho und Colorado konnte Obama auch bei weißen Wählern ordentlich absahnen. Hillary Clinton erhielt im Gegenzug die Unterstützung vieler Afroamerikaner. Diese Leichtigkeit ist verflogen. Mittlerweile kommt es innerhalb der Wählerschaft zu Animositäten und Abstoßungsreaktionen. In den großen Industriestaaten der USA wurden sie auch für jene sichtbar, die bis dahin glaubten, das ganze Land sei dem Messias-Faktor erlegen. In Ohio wählten die weißen Arbeiter überwiegend Hillary Clinton, ähnlich in Pennsylvania. Im Gegenzug stimmte eine Riesenmehrheit der Afroamerikaner für Obama.
Entzauberung des Kandidaten
Es scheint, als versuchte die Mehrheit der Afroamerikaner in der hitziger werdenden Vorwahlschlacht eine Wagenburg um Obama zu bilden. Das Ehepaar Clinton hat mit eindeutig zweideutigen Bemerkungen den Graben aufgerissen - das Ehepaar Obama hat ihn vertieft. Die Hassreden des Pastors Wright im Sinne von "God damn America" wirkten auch deshalb verstörend, weil Obama ihn zuvor seinen "spirituellen Mentor" genannt hatte. Die Feststellung seiner Ehefrau, sie sei zum ersten Mal in ihrem Erwachsenenleben stolz, eine Amerikanerin zu sein, war beides: erfrischend offen und politisch naiv.
Der Rückzug weißer Wähler trifft zusammen mit einer zunehmenden Entzauberung des Kandidaten. Seine Botschaft von Hoffnung und Wechsel, die seit längerem keine Variation mehr erfährt, wirkt wie eine Platte, bei der die Nadel hängt. "Wir sind die, auf die wir gewartet haben." Das klingt beim ersten Mal erhaben, beim zweiten Mal hohl.
Die Debatte, die nun begonnen hat, kommt für Hillary Clinton dennoch zu spät. Die Super-Delegierten, die sich frei vom Wählervotum für oder gegen einen Spitzenkandidaten entscheiden dürfen, haben kaum eine andere Chance, als Obama zu nominieren. Das aufkeimende Gefühl, mit ihm lasse sich die Wahl im November nicht gewinnen, müssen sie unterdrücken. Solange Barack Obama seinen leichten Vorsprung an normalen Delegiertenstimmen behaupten kann, ist er der Unvermeidbare. Es gibt mittlerweile fast schon eine staatspolitische Pflicht, ihn zu nominieren. Ein Funktionärs-Votum gegen Obama würde Schockwellen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft auslösen, deren Ausmaße schwer zu kalkulieren sind. Die Jugend wäre empört, die Intellektuellen verbittert und in den schwarz-dominierten Vierteln von South-East Washington, Los Angeles und anderswo könnte es unruhig werden.
Es brennt nicht, aber es glimmt in Amerika
Von einer offensichtlichen Zurückweisung des schwarzen Rivalen würde auch Hillary Clinton nicht profitieren. Eine Kandidatur, die von jugendlicher Empörung oder gar vom Feuer brennender Barrikaden begleitet wäre, besäße keinen allzu großen Wert. So liefert das gewichtigste Argument für seine Nominierung derzeit nicht der Kandidat, sondern die Geschichte seiner Vorfahren. Er muss sie nicht bemühen. Sie steht neben ihm. Stumm und traurig schaut sie aus einer Zeit herüber, die wir gemeinhin Vergangenheit nennen. Aber diese Vergangenheit vergeht nicht.
Noch vor 144 Jahren verteidigte der Süden Amerikas das Recht auf Sklaverei in einem Bürgerkrieg. Vor 40 Jahren wurde Martin Luther King erschossen. Vor 20 Jahren scheiterte der Farbige Jesse Jackson als Präsidentschaftsbewerber in den Vorwahlen, weil er die weißen Demokraten nicht für sich gewinnen konnte. Die Rassenschranken haben sich seither gesenkt, aber sie sind nicht verschwunden.
Es brennt nicht, aber es glimmt in Amerika. Die Demokratische Partei ist angetreten, nach sieben Jahren George W. Bush das Land mit sich selbst zu versöhnen. Das muss sie nun wenigstens versuchen, auch wenn es sie die Präsidentschaft kostet.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema West Wing | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH