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28.05.2008
 

Catherine Chin, Singapur

"Die Inflation macht uns sehr zu schaffen"

Aufgezeichnet von Jürgen Kremb

Eine typische Mittelstandsfamilie in Singapur: er selbständig, sie Hausfrau, drei Kinder, keine Sorgen. Doch inzwischen sind die Lebensmittelpreise so gestiegen, dass die 44-jährige Catherine Chin auf jeden Cent achten muss, um ihre Familie satt zu bekommen.

Mein Mann ist selbständig. Er arbeitet als Kammerjäger. Morgens, wenn die Kinder in der Schule sind, helfe ich ihm dabei. Wenn die Geschäfte gut gehen, haben wir ein paar Teilzeit-Arbeiter. Wir sprühen meist in Privathäusern einmal im Monat gegen Moskitos und anderes Ungeziefer. Das ist in den Tropen wichtig, damit sich keine Krankheiten ausbreiten.

Catherine Chin, 44, in ihrer Küche: "Schock an der Supermarktkasse"
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Jürgen Kremb

Catherine Chin, 44, in ihrer Küche: "Schock an der Supermarktkasse"

Wie die meisten Familien in Singapur, leben wir in einem Wohnblock, den die Regierung gebaut hat. Die Wohnung liegt in Choa Chu Kang, einem Viertel am Stadtrand. Wir haben sie vor neun Jahren gekauft und müssen den Kredit noch abzahlen. Die Wohnung ist groß und geräumig, aber nicht luxuriös ausgestattet.

Die Inflation macht uns seit einem halben Jahr sehr zu schaffen. Eigentlich können wir nichts mehr sparen, obwohl ich an allen Ecken und Enden versuche, unsere Kosten zu reduzieren. Die Urlaube sind gestrichen, wir gehen nicht mehr ins Kino und an Geburtstagen gibt es keine großen Feiern mehr - wir essen dann zu Hause. Ich hasse es jetzt, einkaufen zu gehen. Ich kriege jedes Mal einen Schock an der Supermarktkasse.

In meinem Haushalt sind sieben Mäuler zu stopfen. Ich habe drei Kinder im Alter von fünfzehn, elf und acht Jahren, mein Mann ist 45 Jahre alt. Dazu lebt meine 66-jährige Mutter bei uns - und eine Haushaltshilfe aus den Philippinen. Noch vor einem halben Jahr benötigte ich 600 Singapur-Dollar (umgerechnet 281 Euro) pro Monat zum Einkaufen von Lebensmitteln. Dann gingen die Preise hoch.

Billiger Reis, kein frisches Fleisch, nur Sonderangebote

Zuerst begannen wir, billigeren Reis zu kaufen: nicht mehr die edle thailändische Reissorte "Königlicher Schirm", sondern nur noch normalen Haushaltsreis. Wir benutzen jetzt auch unsere Bonuspunkte, die wir beim Tanken sammeln, und bekommen dafür kostenlosen Reis. Zudem haben wir von frischem Schweinefleisch auf tiefgefrorenes umgestellt. Wir gehen in günstigere Supermärkte und achten streng auf Sonderangebote. Aber trotz all dieser Sparmaßnahmen, kriege ich mein Kassenbuch nicht mehr unter 900 Dollar im Monat gedrückt.

Preise in Singapur (in Euro)


Reis 1 kg = 1,40 Euro
Tofu 300 gr = 0,45 Euro
Zucker 1 kg = 0,77 Euro
Schweinefilet 1 kg = 14,04 Euro
chin. Brokkoli 1 kg = 2,35 Euro
Auch die Energiepreise haben unser Leben geändert. Jetzt bricht die heiße Jahreszeit in Singapur an. Aber während wir früher jeden Abend in unserer Wohnung die Klimaanlage anstellten, warten wir jetzt bis kurz vorm Schlafen gehen. Dennoch ist unsere Stromrechnung um gut ein Drittel auf etwa 300 Singapur-Dollar gestiegen.

Dazu muss man wissen, dass eine durchschnittliche Familie hier nur zwischen 2000 und 3000 Dollar im Monat verdient. Aber allein Schulbücher und Uniform für meinen Ältesten kostet fast 500 Dollar im Jahr. Wenn jetzt die Benzinpreise noch mehr steigen, wird das auch der Firma meines Mannes schaden.

Dabei geht es uns noch ganz gut. Gestern rief eine Freundin an und sagte: "Vor einem halben Jahr kosteten drei Bündel Gemüse noch zwei Dollar, jetzt kostet allein ein Bündel 1,50 Dollar. Was soll ich tun, ich habe vier Kinder."

Unsere Kirche hat jetzt eine Suppenküche

Wir sind katholisch und ich leite die Sonntagsschule. Der Besuch kostet pro Familie 15 Dollar im Jahr. Am vergangenen Wochenende musste ich die Gelder einsammeln. Da kam ein Vater und sagte: "Catherine, es tut mir leid, aber ich kann das nicht mehr bezahlen."

Wir Chinesen achten sehr darauf, das Gesicht zu wahren. Bis ein erwachsener Mann in der Öffentlichkeit zugibt, dass er 15 Dollar nicht mehr bezahlen kann, muss viel passiert sein.

Seit kurzem haben wir deshalb in unserer Kirche eine Suppenküche eingerichtet und jeden Tag kommen mindestens 30 bis 40 Leute, die zuhause nicht mehr genug zu essen haben. Das habe ich bisher in Singapur noch nicht gesehen. Ich glaube, viele ärmere Familien, Arbeitslose und Behinderte haben durch die gestiegenen Preise ein echtes Problem.

Karl-Ludwig Günsche

Elizabeth Paulson, Südafrika:
"Wie kriege ich sie heute wieder satt"
Elizabeth Paulson hat als einzige in ihrer Familie feste Arbeit. Doch die Kosten für Lebensmittel, Strom und Wasser sind so stark gestiegen, dass das Geld nur noch für die Grundversorgung reicht. Meist gibt es Marmeladenbrot oder Maisbrei - und die nächste Preiserhöhung steht schon fest. Aufgezeichnet von Karl-Ludwig Günsche mehr...


Andreas Lorenz

Yu Liping, Peking:
"Chinesische Hausfrauen sind sehr sparsam"
Die Sekretärin Yu Liping spürt den Preisanstieg im Supermarkt deutlich - was jedoch für sie und ihren Mann kein großes Problem ist: Sie sind Doppelverdiener mit einem Kind. Die abendliche Milch für den Sohn und die regelmäßigen Restaurantbesuche sind weiterhin drin. Aufgezeichnet von Andreas Lorenz mehr...


Reyna Diaz, Mexiko-Stadt:
"Für drei Mahlzeiten am Tag reicht es nicht"
Reyna Diaz kann ihrer Familie kein Mittagessen mehr geben. Das Frühstück muss jetzt bis zum Abendbrot reichen. Manchmal muss sie die letzten Notgroschen antasten, um ihren Mann, die Kinder und den Enkel satt zu bekommen. Aufgezeichnet von Klaus Ehringfeld mehr...


Hilja Müller

Anita Antonio, Philippinen:
"Manchmal geben meine Arbeitgeber mir ihre Reste mit"
Anita Antonio arbeitet an sieben Tagen die Woche, um ihre Familie zu ernähren. Ihr Mann ist arbeitslos und sie von Juni bis August auch. Wie die 35-Jährige dann ihre drei Kinder satt bekommen soll, weiß sie nicht. Aufgezeichnet von Hilja Müller mehr...


Horand Knaup

Brenda Ondisa, Kenia:
"Ein halbes Brot pro Tag muss reichen"
Brenda Ondisa will vor allem ihrer kleinen Tochter Shamine alles geben, was sie braucht. Sie und ihr Mann Samuel hungern oft, damit die Zweijährige genug zu essen hat. Fleisch kann sich die Familie schon lange nicht mehr leisten - und auch Brot gibt es nur noch halbsoviel wie früher. Aufgezeichnet von Horand Knaup mehr...


Jürgen Kremb

Catherine Chin, Singapur:
"Die Inflation macht uns sehr zu schaffen"
Eine typische Mittelstandsfamilie in Singapur: er selbständig, sie Hausfrau, drei Kinder, keine Sorgen. Doch inzwischen sind die Lebensmittelpreise so gestiegen, dass die 44-jährige Catherine Chin auf jeden Cent achten muss, um ihre Familie satt zu bekommen. Aufgezeichnet von Jürgen Kremb mehr...


Britta Petersen

Vijayama, Indien:
"Wir essen jetzt mehr Sardinen - die sind nahrhaft und preiswert"
Vijayama muss von umgerechnet 130 Euro im Monat 13 Kinder satt bekommen - kaum möglich mit den heutigen Preisen. Viele Lebensmittel sind komplett gestrichen. Mangos und Spinat gibt's nur deshalb noch, weil sie sie selber im Garten anbaut. Aufgezeichnet von Britta Petersen mehr...


Asèta Ouédraogo, Burkina Faso:
"Schulgeld für die Kinder können wir nicht mehr bezahlen"
Statt Reis mit Gemüse gibt es meist nur noch Maisfladen: Drei Viertel ihrer Einkünfte muss Asèta Ouédraogo aus Burkina Faso für Nahrungsmittel ausgeben. Wenn die Preise so hoch bleiben, kann bald keines der vier Kinder mehr zur Schule gehen. Aufgezeichnet von Hannes Mehrer mehr...


Amira El Ahl

Tahia Alwi Mohammed, Ägypten:
"Am Monatsende ist das Geld weg"
Tahia Alwi Mohammed lebt in der Oase Farafra in der Wüste Ägyptens. Sie und ihr Mann haben beide gute Jobs - doch vom gemeinsamen Einkommen gehen trotzden zwei Drittel nur für Lebensmittel drauf. Die Kinder fragen ihre Mutter, warum sie sie geboren habe. Aufgezeichnet von Amira El Ahl mehr...

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