Washington - Barack Obama platzte der Kragen: "Ich bin empört und traurig über die Kommentare und das Spektakel, das wir gesehen haben." Nach den neuerlichen, heftigen Verbalattacken seines langjährigen Seelsorgers gegen die USA hat sich der demokratische Präsidentschaftsbewerber in aller Schärfe von seinem einstigen Pastor Jeremiah Wright distanziert. "Ich möchte vollkommen klar machen, dass ich die Ansichten, die er geäußert hat, nicht billige - ich glaube, sie sind falsch, sie sind zerstörerisch", sagte ein sichtlich aufgebrachter Obama in Winston Salem im Bundesstaat North Carolina.
Die deutlichen Worte des Präsidentschaftsbewerbers sind der Versuch der Schadensbegrenzung. Denn ohne Zweifel haben die radikalen Äußerungen Wrights zu Rassismus und Terrorismus Obamas Kampf um die Kandidatur der Demokraten geschadet. Nur eine Woche vor den nächsten wichtigen Vorwahlen ist er in der Defensive.
Der schwarze Geistliche Wright hatte am Montag unter anderem den US-"Terrorismus" für die Terroranschläge vom 11. September 2001 verantwortlich gemacht und Aids auf eine rassistische Verschwörung der US-Regierung zurückgeführt. Obama gehört schon lange zu Wrights Gemeinde in Chicago; er und seine Frau ließen sich von Wright trauen und ihre beiden Töchter von ihm taufen.
Auch wenn sich Obamas innerparteiliche Rivalin Hillary Clinton zunächst nicht zu den neuen Ausfällen des Pastors äußerte, ist klar, dass man im Clinton-Lager auf einen Wright-Effekt bei den Abstimmungen in Indiana und North Carolina hofft.
Was die eine Seite freut, bereitet der anderen zunehmend Sorge: In politischen Blogs, die sich vornehmlich an die schwarze Community richten, in Talkshows mit einem überwiegend afroamerikanischen Publikum, und in Umfragen wächst laut "Washington Post" bei den Unterstützern Obamas die Sorge, Wrights krude Thesen könnten ihren Favoriten trotz der deutlichen Distanzierung Stimmen kosten.
Vor allem in Indiana könnte das gleichbedeutend mit einer Niederlage sein. Denn dort liegen die beiden Konkurrenten einer Umfragen zufolge Kopf an Kopf - 47 Prozent für Obama, 45 Prozent für Clinton, ermittelte das Institut Howey-Gauge. In North Carolina, wo viele Schwarze leben, führt Obama laut Umfragen deutlich mit 51 Prozent vor Clinton mit 37 Prozent.
Clinton hatte mit ihrem Sieg bei der Vorwahl in Pennsylvania zuletzt wieder neuen Schub bekommen. Außerdem geht aus einer aktuellen Umfrage der Nachrichtenagentur AP und des Meinungsforschungsinstituts Ipsos hervor, dass Clinton bessere Chancen als Obama hat, den Republikaner John McCain bei der Präsidentenwahl im November zu schlagen.
Am Dienstag nun sind in North Carolina 115 Delegiertenstimmen zu holen, in Indiana 72. Die notwendige Mehrheit der gewählten Delegierten beim demokratischen Nominierungsparteitag Ende August wird keiner der beiden Bewerber mehr erreichen. Entscheidend dürften daher die rund 800 sogenannten Super-Delegierten sein. Das sind zumeist hohe Parteifunktionäre, die in ihrer Entscheidung nicht an die Entscheidung der Basis gebunden sind. Nach Einschätzung von Analysten könnte die langjährige Verbindung Obamas zu Pastor Wright und die zunächst eher zögerliche Reaktion auf dessen radikale Äußerungen deren Entscheidung beeinflussen.
Bisher halten sich die unentschlossenen Super-Delegierten zurück. Selbst inmitten der Debatte um Jeremiah Wright sagten zwei von ihnen Obama ihre Unterstützung zu. Zwei weitere schlossen sich dagegen dem Clinton-Camp an.
Der "New York Times" zufolge hätten andere allerdings angedeutet, genau zu beobachten, wie die Wähler in Indiana und North Carolina auf die jüngsten Streitigkeiten reagieren. Bob Mulholland, Super-Delegierter aus Kalifornien, deutete gegenüber der Zeitung an, dass die verbleibenden Vorwahlen nun eine noch größere Bedeutung bekämen. Mulholland selbst bescheinigte Obama allerdings, mit seiner Aufgabe stetig zu wachsen. "Er wird immer besser", antwortete Mulholland auf die Frage, wie sich Obama schlage.
Die noch unentschlossene Eileen Macoll, demokratische Super-Delegierte aus dem US-Staat Washington, äußerte gegenüber der "New York Times" ihre Verwunderung über das Ausmaß der Debatte. Gleichzeitig vermutete sie, dass sich die Diskussion negativ auf die Kampagne Obamas auswirken werde: "Ich glaube, er geht sehr gut damit um, aber genauso glaube ich, dass es fast unmöglich ist, den Leuten dabei ein gutes Gefühl zu vermitteln."
Dan Blue, State Representative aus Raleigh und einst erster schwarzer Chef des Parlaments von North Carolina, befürchtet, dass die Partei sich zunehmend und dauerhaft in schwarze und weiße Demokraten spaltet. Eine große Chance könne in einer Tragödie enden, sagte Blue in einem Interview. Und fast resigniert fügte er hinzu: "Ich weiß nicht, wie sich das wieder reparieren lässt."
phw/AP/Reuters/dpa/AFP
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