Von Henryk M. Broder
Für europaweites Aufsehen sorgte schon im Jahre 2002 ein von 120 Akademikern unterzeichneter offener Brief, in dem dazu aufgerufen wurde, als Reaktion auf die israelische Politik die Wissenschaftsbeziehungen zwischen Israel und den europäischen Ländern einzufrieren, also die kulturelle und wissenschaftliche Zusammenarbeit zu beenden. Dass der Brief in Deutschland weitgehend unbemerkt blieb, hatte einen einfachen Grund: Er war von nur zwei deutschen Professoren unterschrieben.
"Die Gaskammern kommen noch"
Inzwischen gibt es kaum noch einen namhaften Schriftsteller, der sich nicht zu Israel geäußert hätte. Von Jostein Gaarder ("Sofies Welt"), der mit den Worten "Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an" Israel aus der Geschichte verabschiedete, über den in Italien lebenden Exil-Amerikaner Gore Vidal ("Ben Hur"), bis zu dem Südafrikaner Breyten Breytenbach und seinem portugiesischen Kollegen Jose Saramago, der die Situation in Ramallah mit der in Auschwitz verglich und auf die Frage "Und wo sind die Gaskammern?" antwortete: "Die kommen noch."
Eine Treppe tiefer ist auch der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland, Thilo Bode, der Meinung: "Verzicht auf Kritik an Israel ist unmoralisch." Deutschland sollte dazu beitragen, "dass Israel eine Lektion lernt, die Deutschland selber erfolgreich gelernt hat: nämlich welche die historischen Kosten der Unterwerfung anderer sind".
Besonders eindrucksvoll an solchen Äußerungen ist nicht allein die totale Selbstgewissheit, mit der sie abgegeben werden, sondern auch der völlige Mangel an historischer Substanz: Dieselben Leute, die sich für das Schicksal der Palästinenser zuständig und berufen fühlen, Israel Ratschläge zu erteilen, möchten von der historischen Verantwortung für das Schicksal der Juden entbunden werden, die auf ihnen seit über 60 Jahren wie eine Hypothek lastet. Schon Ende der sechziger Jahre hat der Berliner Revolutionär Dieter Kunzelmann die Deutschen aufgerufen, ihren "Judenknax" zu überwinden.
Und daran hat sich bis heute wenig geändert, nur dass die Sprache ein wenig subtiler geworden ist. Wesentliche Teile der deutschen Intelligenz sehen ihre Aufgabe darin, Tag und Nacht darauf zu achten, dass die Juden (beziehungsweise Israelis) nicht rückfällig werden und den moralischen Kredit, den sie sich als Opfer der Nazis verdient haben, nicht verspielen. Israels Sündenfall besteht nicht darin, dass es die Palästinenser schlecht behandelt, sondern darin, dass es den guten Deutschen so schwer macht, die Juden zu mögen.
Vor vielen Jahren erschien in der "Zeit" ein Artikel, der mit einem Appell an die "verantwortlichen Männer der Regierung Israels" schloss: Sie mögen innehalten und erkennen, "wie weit sie auf jenem Weg bereits gelangt sind, der erst vor kurzem ein anderes Volk ins Verhängnis geführt hat".
Das war am 23. September 1948, nur vier Monate nach der Gründung Israels. Die Autorin war: Marion Gräfin Dönhoff.
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