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08.05.2008
 

Palästinensische Flüchtlinge

Existenz in der ewigen Warteschleife

Von Henryk M. Broder

Den Palästinensern ist Unrecht geschehen: Hunderttausende mussten 1948 ihre Heimat verlassen. Das ist - wie jede Vertreibung - beklagenswert. Aber Realität. Trotzdem gelten die Palästinenser bis heute als "Flüchtlinge" - was ihre Illusion nährt, der Status quo ante ließe sich wieder herstellen.

Berlin - Von den europäischen Medien unbemerkt oder absichtsvoll übersehen, demonstrierten am letzten Samstag in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen Tausende von Palästinensern für ihr "Recht auf Rückkehr" nach Palästina, das Land, das sie 1948 verlassen mussten.

Gedenken an Vertreibung: Das "Recht auf Rückkehr" ist für Palästinenser nicht nur heilig, es ist auch unverhandelbar
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AFP

Gedenken an Vertreibung: Das "Recht auf Rückkehr" ist für Palästinenser nicht nur heilig, es ist auch unverhandelbar

Die Demo, die in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfand, wurde von einem europäischen Komitee organisiert, das sich "The Palestine Right to Return Coalition" nennt. Scheich Raed Salah, israelischer Staatsbürger, Kopf der "Islamischen Bewegung Nord" und ehemaliger Bürgermeister der israelisch-palästinensischen Stadt Umm-al-Fachem, rief die aus ganz Europa angereisten Teilnehmer der Demo auf, nach Palästina zurückzukehren. "Eure Häuser warten auf euch, die Moscheen und die Kirchen ebenso, sie symbolisieren eure Wurzeln und eure Identität, die Geschichte und die Kultur – sie sind unsere Zukunft!"

Später nahm Scheich Raed Salah an einem Gebet in einer Kopenhagener Moschee teil, wo er auch die Predigt hielt. "Jerusalem ruft euch. Ihr sollt die Stadt vor der Judaisierung retten!" Dann flog der Scheich zurück nach "Palästina", in sein Haus in Umm-al-Fachem, mitten in Israel.

Glaubt man einem Flugblatt, das Ende März auf der Homepage der "Freunde Palästinas" ins Netz gestellt wurde, sind die Vorbereitungen für die Rückkehr bereits weit gediehen. Das palästinensische Volk habe beschlossen, "die Uno-Resolution 194 in die Tat umzusetzen" und "unter dem blauen Banner der Uno" in das Land zurückzukehren, "von dem sie gewaltsam vertrieben wurden". Nichts und niemand werde sie aufhalten. "Weder die Juden noch die internationale Gemeinschaft können gegen diese Entscheidung der Palästinenser sein ..."

Von Israelis ist in diesem Zusammenhang keine Rede, obwohl die praktischen Probleme bei der Heimkehr durchaus richtig eingeschätzt werden: "Alle Rückkehrer tragen ihre Zelte und anderes Eigentum mit, weil ihre Häuser meistens zerstört wurden und sie deswegen in Zelten wohnen müssen ..."

Rückkehr heißt: zurück in die Zeit, als es Israel nicht gab

Auf welchen Wegen und mit welchen Verkehrsmitteln die Rückkehrer kommen, wie sie die israelischen Grenzkontrollen überwinden möchten, darüber sagt das Flugblatt nichts. Ganz am Ende werden die "verehrten Führer und Könige der arabischen Welt" gebeten, "mit logistischer Hilfe unserem Volk für seine Rückkehr in die Heimat, ins Heilige Land, beizustehen".

Wer die Palästinenser und deren Neigung zu theatralischen Auftritten kennt, die von Jassir Arafat vorbildlich verkörpert wurde, könnte dazu neigen, die ganze Aktion für einen PR-Gag zu halten, um den Israelis einen Schrecken einzujagen und ihnen die Feiern zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit zu vermiesen.

Wahrscheinlich aber ist es schlimmer. Man muss fürchten, die Palästinenser meinen es ernst. Denn das "Recht auf Rückkehr" ist für sie nicht nur heilig, es ist auch unverhandelbar. Und man muss sich in die Lage der Palästinenser versetzen, um zu begreifen, warum das so ist, warum sie nicht nur nach Palästina, sondern auch zum Status quo ante zurück möchten, die Zeit, als es noch kein Israel gab.

Es steht außer Frage, dass den Palästinensern Unrecht geschehen ist, dass sie für Verbrechen büßen, die sie nicht begangen haben, nämlich die Endlösung der Judenfrage in Europa. Ginge es in der Welt und in der Geschichte gerecht zu, hätte der Judenstaat auf den Ruinen des Dritten Reichs, in Bayern, in Schleswig-Holstein oder in der Ostmark errichtet werden müssen und nicht am östlichen Ende des Mittelmeers. Aber Gerechtigkeit ist ein seltenes Gut, und man kann ein langes Leben damit verbringen, sie einzufordern, statt sich mit der Wirklichkeit auf faule Kompromisse einzulassen.

Die Uno hat den Status der "Flüchtlinge" zementiert

Ebenso steht außer Frage, dass die Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben wurden, egal ob sie "freiwillig" gingen, um den Kämpfen aus dem Weg zu gehen, oder ob sie von der jüdischen "Selbstwehr" mit Gewalt dazu gebracht wurden, ihre Dörfer zu verlassen. Es war Krieg, und im Krieg gibt es keine Entscheidungen auf der Basis des freien Willens.

So weit ist den Palästinensern zwar Unrecht geschehen, aber nichts Ungewöhnliches, gar Einmaliges. Millionen von Deutschen, die keine Nazis waren, sind aus ihrer Heimat vertrieben worden, und bei der Teilung des indischen Subkontinents kam es zu einer Völkerwanderung in alle Richtungen – um nur zwei zeitnahe Beispiele zu nennen.

Das Einmalige im Falle der Palästinenser liegt woanders. Für sie wurde 1950 eine spezielle Organisation ins Leben gerufen, die UNRWA, während für das Schicksal aller anderen Flüchtlinge der Uno High Commissioner for Refugees zuständig ist. Die Palästinenser werden seit fast 60 Jahren bevorzugt als Flüchtlinge behandelt, inzwischen träumt die vierte Palästinensergeneration den Traum, eines Tages in ihre alte Heimat zurückkehren können.

Niemand weiß, wie viel die UNRWA im Laufe der Jahrzehnte ausgegeben hat, um den Status der Palästinenser als Flüchtlinge zu zementieren. Es müssen zahllose Milliarden gewesen sein, die genauso im Sand versickert sind wie die Mittel der EU für den Aufbau einer palästinensischen Verwaltung in den Autonomiegebieten. Man weiß nur, dass die UNRWA inzwischen mehr als 28.000 Mitarbeiter beschäftigt und der größte Arbeitgeber in der Krisenregion ist. Um als Institution zu überleben, ist UNRWA mehr auf die Flüchtlinge angewiesen als die Flüchtlinge auf die UNRWA.

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