Von Henryk M. Broder
Es gehört auch eine gewisse Frivolität dazu, nach 60 Jahren noch immer von Flüchtlingen zu sprechen. Das bedeutet nicht nur, dass der Status vererbt wird, sondern auch, dass er gar nicht aufgehoben werden kann, es sei denn, durch die Wiederherstellung des Status quo ante. Auch das ein in der Geschichte einmaliger Fall. Würde man das gleiche Recht allen Flüchtlingen einräumen, hätten alle Umzugsfirmen der Welt bis zum Jüngsten Tag Hochkonjunktur.
Allerdings kann man von den Palästinensern nicht erwarten, dass sie ihre eigene Situation selbstkritisch beurteilen. Wer 60 Jahre in einem Asyl darauf wartet, in sein altes Haus zurückkehren zu können, hat sich zum einen an das Leben in dem Asyl gewöhnt und zum anderen zu viel Leid und Schmerz "investiert", um wieder bei Null anzufangen.
Man kann die Situation der Palästinenser mit der eines Call-Center-Kunden vergleichen. Hat er eine oder zwei Minuten in der Schleife gewartet, legt er auf und wählt neu. Hat er sich zehn oder fünfzehn oder zwanzig Minuten den Satz "Ihr Anruf ist uns wichtig" angehört, bleibt er in der Leitung und wartet, endlich erlöst zu werden.
Das bedeutet: Je länger die Palästinenser darauf warten, dass ihr Traum von einer Rückkehr wahr wird, umso mehr sind sie bereit, noch länger zu warten. Alles andere wäre Verrat am eigenen Leben.
Damit das Interesse der Welt, die sich gelegentlich auch mit der Lage in Darfur und in Tibet beschäftigen möchte, nicht nachlässt, werden in unregelmäßigen Abständen Krisen inszeniert, wie die Machtübernahme der Hamas in Gaza, was dazu führt, dass die Karten neu gemischt werden. Vor Oslo, also Anfang der neunziger Jahre, war die PLO "the sole representative of the Palestinian people", mit der verhandeln musste, wer den Konflikt lösen wollte. Es wird zehn bis 15 Jahre dauern, bis die Hamas so weit sein wird, wie die PLO heute ist: bedingt gesprächsbereit. Und dann wird irgendeine andere, noch radikalere Gruppe kommen, die Hamas wegputschen - und das Spiel wird wieder neu angepfiffen.
Die These vom "Völkermord" an den Palästinensern
Zur palästinensischen PR, die vor allem in Europa gerne gehört wird, gehört die Behauptung, die Israelis würden den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben. Der Tatbestand des "Völkermords" kommt heute nicht einem kollektiven Todesurteil, sondern einem nationalen Ritterschlag gleich. Wenn die Palästinenser aber tatsächlich Opfer eines "Genozids" würden, wie sie und ihre Freunde es gerne behaupten, dann dürfte es sich um den ersten Völkermord in der Geschichte der Menschheit handeln, dessen Zielgruppe sich im Laufe der Zeit mindestens verfünffacht hat.
Es gibt zwei Punkte, die in der Debatte so gut wie nicht vorkommen. Die Zahl der Palästinenser, die nach 1948 aus dem jüdischen Teil Palästinas vertrieben wurden, wird auf 600.000 bis 800.000 geschätzt. Die Palästinenser selbst sprechen gerne von "Millionen" und meinen damit die Kinder, Enkel und Urenkel der Vertriebenen, die heute in der Fremde leben, und wenn es ein "Lager" mitten in Ramallah ist.
Israel hat nach 1948 etwa dieselbe Anzahl Juden aus arabischen bzw. moslemischen Ländern aufgenommen, Flüchtlinge, die unter gleichen Umständen ihre Heimat verlassen mussten wie die Palästinenser, also überwiegend unfreiwillig. Man könnte also von einem Bevölkerungstausch sprechen, jedenfalls müsste man die Verluste sowohl der einen wie der anderen Seite berücksichtigen.
Dass dies nicht geschieht, kommt auch daher, dass die Juden, die aus arabischen Ländern nach Israel gekommen sind, sich nicht als "Flüchtlinge" betrachten. Täten sie es, würde man sie auslachen. Aber sie fahren gerne in ihre alten Heimaten zurück, nach Ägypten, Marokko, Tunesien. Und die Nachkommen der "Iraker" träumen schon davon, bald auch nach Bagdad fahren zu können. Aber nur zu Besuch, versteht sich.
Die alte Heimat liegt in Sichtweite
Und nun wollen Palästinenser unter dem blauen Banner der Uno in das Land zurückkehren, aus dem sie gewaltsam vertrieben wurden – symbolträchtig am 14. Mai, dem 60. Jahrestag der Gründung Israels.
Dabei haben sie sich, wieder einmal, ein wenig vertan. Zwar wurde Israel tatsächlich am 14. Mai 1948 ausgerufen, dem 5. Tag des Monats Ijar, weil aber der jüdische und der christliche Kalender nicht ganz parallel laufen, wird in diesem Jahr schon am 8. Mai gefeiert.
Am 14. Mai, wenn die Palästinensern mit ihren Zelten anrücken, ist die Party schon lange vorbei.
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