Vorentscheidung im Demokraten-Drama
Obama triumphiert, Clinton verliert den Anschluss
Aus Indianapolis berichtet Gregor Peter Schmitz
Barack Obama auf der Siegesspur: Bei der Vorwahl in North Carolina feiert er einen Triumph, in Indiana schafft Rivalin Hillary Clinton nur einen Zittersieg - sie ist endgültig ins Hintertreffen geraten. Ihm ist die Kandidatur kaum noch zu nehmen.
Indianapolis - Um kurz nach 22 Uhr Ortszeit ist es wie bei einer Party, zu der die Gastgeberin selbst nicht gekommen ist. Die Lautsprecher tönen trotzig "Get on your feet", aber längst hocken fast alle Gäste erschöpft auf den Stufen der Bühne. Sie kauern neben den goldenfarbenen Ballons, die ein "Hillary" formen, und den silberfarbenen Ballons, die ein "2008" ergeben.
Es ist der Ägyptische Saal im Murat Centre in Indianapolis, Kronleuchter mit kleinen Holzsphinxen hängen von der Decke, an den Wänden prangen Szenen aus der ägyptischen Götter- und Totenwelt. Auf der Pressetribüne lümmeln sich zwei TV-Veteranen auf dem Boden. Der eine sagt zum anderen: "Von mir aus kann sie auch als Mumie kommen. Wenn sie nur endlich kommt."
Dabei ist Hillary Clinton ja längst da. Doch einfach auf die Bühne vor ihre Anhänger springen kann sie nicht - weil ihr Sieg in Indiana noch immer am seidenen Faden hängt.
Erst gegen 22.30 Uhr traut sich einer ihrer Helfer auf die Bühne. Er ruft: "Wir dachten, dieser Tag würde niemals kommen." Aber die Zuschauer wissen nicht recht, was sie von dem Satz halten sollen.
Sie stehen zwar wieder, jubeln aber verhalten. Bis der Helfer trotzig hinzufügt: "Hillary Clinton wird Indiana gewinnen."
Doch selbst danach werden die Schilder eher vorsichtig geschwenkt. Noch immer läuft über den CNN-Schirm "Too close to call" - die Prognosen sind zu knapp, um einen Sieger auszurufen. Als die Senatorin um 22.40 Uhr selbst auf die Bühne tritt, ganz in Blau, werden die Bildschirme zwar ausgeschaltet. Doch auf den kleinen Schirmen der Fernsehjournalisten ist der Satz immer noch zu lesen.
Und die Zitterpartie wird noch lange dauern. Erst Stunden später, als fast jede Stimme in Indiana gezählt ist, küren alle US-Sender Clinton zur Siegerin in dem Industriestaat. Nicht ganz 51 Prozent erreicht sie - Obama liegt nur einen Hauch dahinter.
Ist das schon der Schlussapplaus? Die Abschiedsrede?
Clinton aber, in scheinbarer Unkenntnis des Dramas, das sich da noch entfalten sollte, beginnt trotzig; sie gibt sich unbeeindruckt: "Wir kamen von hinten und haben den Gleichstand gebrochen. So geht es weiter bis ins Weiße Haus."
Ihrer Stimme fehlt allerdings das Röhrend-Kämpferische der vergangenen Wochen. Sie spricht eher sanft von der "gemeinsamen Reise", auf der sie und ihr Rivale Barack Obama unterwegs seien. Und am Ende dankt sie ihrer Tochter Chelsea und ihrem Mann Bill schon ausführlich für deren Einsatz: "Haben die nicht einen tollen Job gemacht?"
Haben? Ist das schon der Schlussapplaus? Eine Abschiedsrede?
Gegen 19 Uhr, kurz vor Schließung der Wahllokale in Indiana, klang das noch anders. Clintons Top-Berater Terry McAuliffe sprang auf die Pressetribüne. Er kletterte auf eine wacklige rote Kabelbox und rief aufgekratzt zur Tonprobe: "One, two, three: Hillary Clinton for President!" Im Interview war sein erster Satz: "Wir stehen großartig da. Wir werden weitermachen. Ihre ökonomische Botschaft zieht."
Aber als Clinton redet, ist längst klar: Die Kämpferin Clinton, die in den vergangenen Wochen vor allem im Appell an einfache weiße Wähler Whiskey runterkippte, mit Autorennfahrern oder Boxern posierte, hat den Kampf verloren.
"Wir haben die Politik der Teilung überwunden"
Nicht nur ihr Vorsprung in Indiana ist zusammengeschmolzen - vor allem hatte ihr Rivale Obama einen klaren Sieg in North Carolina, mit 14 Prozentpunkten Vorsprung. Ein Staat, der viel mehr Delegierte zu vergeben hat. Direkt nach Schließung der Wahllokale, hatte CNN ihn dort zum Sieger erklärt. Also konnte er auch viel früher vor seine Anhänger treten, schon um 21.15 Uhr.
Und so müssen dann die Clinton-Fans in Indianapolis die Bilder seiner Wahlparty auf dem großen Bildschirm neben der Bühne verfolgen. Buhrufe ertönen, rasch drehen die Organisatoren die Musik lauter, so dass Obama kaum zu hören ist.
Hinter dem schwarzen Senator sind lauter weiße Gesichter zu sehen - obwohl ihn vor allem die afroamerikanischen Wähler zum Sieg getragen haben, die dort rund ein Drittel der demokratischen Vorwähler stellten und zu mehr als 90 Prozent für ihn stimmten. "Wir haben die Politik der Teilung überwunden", ruft Obama. Er spricht vom Wandel, vom Aufbruch, vom amerikanischen Traum. Obama, in den vergangenen Wochen oft als nicht patriotisch genug angegriffen, beschwört immer wieder die tiefe Liebe zu seinem Land.
Es ist ein großer Sieg für Obama nach der Kontroverse um die Bemerkungen seines Ex-Pastors Jeremiah Wright ("Gott verdamme Amerika!") - und lauten Zweifeln an seinen Chancen, auch gegen die Republikaner zu bestehen.
Freilich: Verschwunden sind diese Zweifel nicht. Selbst in North Carolina gewann Obama nur etwas mehr als jede dritte Stimme weißer Wähler. Außerdem hat der harte Wahlkampf bei ihm Wunden hinterlassen. Obama erklärt in seiner Rede zwar großmütig, es habe lediglich ein paar "verletzte Gefühle" gegeben - aber er glaube nicht, dass die Gräben dauerhaft seien. Doch Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Clinton-Fans nicht für ihn stimmen wollen - und ein Drittel gar eher ins Lager der Republikaner wechseln würde.
Clinton hofft noch auf die Stimmen aus Florida und Michigan
Außerdem ist das Duell ja noch nicht zu Ende. Clinton verspricht: "Es geht weiter in West Virginia." Dort wird nächste Woche abgestimmt, bis zum 3. Juni stehen sechs Vorwahlen aus. Das Clinton-Lager will auch weiter für eine Lösung des Streits um die Delegationen der Bundesstaaten Michigan und Florida kämpfen. Deren Vorwahlen wurden nicht gewertet, weil die Staaten sich nicht an den Terminplan der Parteiführung gehalten hatten. Clinton gewann beide Abstimmungen und will diese Ergebnisse werten lassen - doch die anderen Bewerber standen teilweise noch nicht einmal auf dem Stimmzettel. Am 31. Mai werden Parteigremien tagen, um über eine Lösung zu beraten.
Nur: Eine Entscheidung, die Clinton deutlich begünstigen würde, ist so gut wie ausgeschlossen. Und die verbliebenen Vorwahlen spielen nahezu keine Rolle mehr. Es geht um die Super-Delegierten - jene rund 800 Parteihierarchen, die sich beim Nominierungstag im August frei entscheiden können. Mehr als 250 von ihnen haben sich noch nicht erklärt. Manche mutmaßen, viele werden in den nächsten Tagen offen ihre Unterstützung für Obama erklären.
Clintons letzte Chance wäre, bei den unentschiedenen Super-Delegierten weiter massive Zweifel an Obamas Chancen gegen die Republikaner zu wecken. So wie sie es in den vergangenen Wochen mit der Kritik an seiner Erfahrung, seinem angeblichen "Elitismus" und seinem Ex-Pastor versuchte. Ihr Kommunikationsdirektor Howard Wolfson erklärt am gestrigen Dienstagabend unbeirrt, nur Clinton könne die großen Bundesstaaten gegen John McCain gewinnen.
Wird aber auch die Bewerberin an diesem Kurs festhalten? Trotz des klaren Rückschlages? Vielleicht hat sie darauf am Abend schon eine Antwort gegeben.
Sie sagt: "Es ist Zeit für einen demokratischen Präsidenten." Und: "Ich werde den demokratischen Bewerber voll unterstützen."
Das hat sie schon oft gesagt. Aber vielleicht hat sie am gestrigen Dienstagabend zum ersten Mal daran gedacht, dass dieser Bewerber Barack Obama heißen könnte.
OBAMA, CLINTON, MCCAIN: DIE POSITIONEN
Hillary Clinton:
2002 stimmte sie für den Einmarsch im Irak. Heute sagt sie, sie hätte anders gestimmt, "wenn wir damals schon gewusst hätten, was wir heute wissen". Im Fall ihres Einzugs in das Oval Office will sie 60 Tage nach Amtsübernahme mit einem schrittweisen Rückzug beginnen, der bis 2013 abgeschlossen sein soll.
Barack Obama:
Obama hatte sich von Anfang an gegen die Invasion im Irak ausgesprochen – zuletzt auch gegen die Truppenaufstockung. Er spricht sich für einen schnellen Rückzug der US-Truppen aus dem Irak aus. Sein Plan sieht vor, ein bis zwei Brigaden im Monat abzuziehen und so nach 16 Monaten alle Soldaten wieder in den USA zu haben.
John McCain:
Er hat für den Militäreinsatz im Irak gestimmt. McCain unterstützte das Veto von Präsident Bush gegen das von der Mehrheit der Demokraten im Kongress verabschiedete Kriegsausgabengesetz, das den Abzug des größten Teils der US-Truppen bis zum März dieses Jahres vorsah. Er spricht sich zudem für eine weitere Aufstockung der Truppen im Irak aus und gegen einen Zeitplan für einen Rückzug.
Hillary Clinton:
Sie will sich dafür einsetzen, dass jeder Amerikaner Mitglied in einer Krankenkasse werden muss. Wer die Kosten nicht tragen kann, soll Hilfe vom Staat und vom Arbeitgeber bekommen. Sie fordert die Versicherungsgesellschaften auf, jedem eine Police zu geben, der sie beantragt. Sie will den Gesellschaften verbieten, von bereits erkrankten Antragstellern höhere Beiträge zu fordern. Geschätzte Kosten: 110 Milliarden Dollar pro Jahr. Das Geld will sie unter anderem dadurch beschaffen, dass sie von der Regierung Bush eingeführte Steuererleichterungen für Großverdiener wieder streicht.
Barack Obama:
Er will ein nationales Krankenversicherungsprogramm für all jene auflegen, die bisher keine Versicherung haben und keine staatliche Hilfe erhalten. Jeder soll selbst entscheiden können, ob er die neue staatliche Versicherung wählt oder eine private. Arbeitgeber, die ihren Angestellten keine Krankenversicherung anbieten, sollen dazu verpflichtet werden, in das neue staatliche System einzuzahlen. Obama spricht sich zwar nicht für eine allgemeine Versicherungspflicht aus – fordert sie jedoch für alle Kinder. Die erwarteten Kosten von rund 65 Milliarden Dollar sollen wie bei Clinton durch die Streichung der Steuererleichterungen bei Einkommen von mehr als 250.000 Dollar aufgefangen werden.
John McCain:
Er ist gegen ein staatlich gelenktes Gesundheitsprogramm. Sein Ziel ist, das Bewusstsein für mehr Vorsorge zu steigern und die existierenden Gesundheitsprogramme für Kinder bekannter zu machen. Er will Geringverdiener bei der medizinischen Versorgung finanziell unterstützen, die elektronische Aufbewahrungsfrist für medizinische Daten verlängern und die Gesetze reformieren, die Kunstfehler betreffen.
Hillary Clinton:
Die Kandidatin schlägt ökonomische Sanktionen gegen Iran und direkte Diplomatie vor, hält sich jedoch bei Zustimmung des US-Kongresses auch die Möglichkeit eines Militärschlags offen. Clinton stimmte im September 2007 einer Resolution zu, mit der die etwa 125.000 Mann starke Revolutionsgarde als terroristische Organisation eingestuft wurde.
Barack Obama:
Der Senator hat angekündigt, sich innerhalb des ersten Amtsjahres mit Irans Präsident treffen zu wollen. Er möchte die Konflikte mit direkter Diplomatie und ökonomischen Sanktionen in internationaler Zusammenarbeit eindämmen. Er nahm nicht an der Abstimmung teil, in der die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation bezeichnet wurden. In einem Interview gab er an, dass er dagegen gestimmt hätte.
John McCain:
Er möchte in Zusammenarbeit mit Europa eine Allianz bilden, um ökonomischen und diplomatischen Druck auf Iran auszuüben. Der Republikaner will jedoch nicht den ersten Schritt zur Verbesserung der diplomatischen Beziehungen machen. McCain hält einen Militäreinsatz in Iran für eine Option, sofern der Kongress zustimmt. Er nahm nicht an der Abstimmung im September 2007 teil, in der die iranischen Revolutionsgarden als Terrororganisation bezeichnet wurden.
Hillary Clinton:
Die Senatorin plant, einen neuen Vertrag aufzusetzen, der das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ersetzen soll. Sie verspricht den verstärkten Einsatz von alternativen und erneuerbaren Energien und würde ein verpflichtendes Emissionshandelgesetz auf den Weg bringen, um den Kohlendioxidausstoß bis 2050 im Vergleich zum Jahr 1990 um 80 Prozent zu senken.
Barack Obama:
Der Senator von Illinois verspricht, die USA zu einem der führenden Länder im globalen Kampf gegen den Klimawandel zu machen. Dafür plant er einen neuen Standard für emissionsarme Treibstoffe und ein Exportprogramm für klimaschonende Technologien in die Dritte Welt. Wie Hillary Clinton will er den Kohlendioxidausstoß bis 2050 im Vergleich zum Jahr 1990 um 80 Prozent senken.
John McCain:
Der Kandidat der Republikaner führte 2007 ein Umwelt-Innovationsprogramm ein, das die Emission von Treibhausgasen bis 2050 im Vergleich zum Jahr 2000 auf ein Drittel verringern soll. Er will Industriegesetze für den Emissionshandel einführen und umweltfreundliche Technologien fördern. Neben erneuerbaren Energien setzt er dabei auch auf Atomkraft.
Hillary Clinton:
Die Senatorin stimmte für den Patriot Act, der als Reaktion auf den 11. September 2001 zur effektiveren Bekämpfung des Terrorismus eingeführt wurde, aber gegen den noch weitergehenden Protect America Act, der unter bestimmten Umständen massive Abhörmaßnahmen erlaubt. Sie will sich dafür einsetzen, die Beziehungen der USA zu anderen Ländern wieder zu verbessern. Die größte Gefahr für die USA sieht sie in Staaten, die Nuklearwaffen entwickeln.
Barack Obama:
Er verspricht, die Vorschläge der 9/11-Kommission zum Anti-Terror-Kampf zu verwirklichen. Obama will Kommunikations- und Abwehrsysteme verbessern und Chemieindustrie und Nuklearanlagen besser sichern. Er setzt sich für eine Optimierung der Zusammenarbeit der Geheimdienste im Inland ein. Obama stimmte wie Hillary Clinton dem Patriot Act zur Terrorabwehr zu, würde ihn jedoch noch einmal überarbeiten.
John McCain:
Wie Clinton und Obama stimmte McCain dem Patriot Act zur Terrorabwehr zu. Er will die diplomatischen Beziehungen zum Ausland verbessern und plant eine unabhängige Agentur mit der Aufgabe, Amerikas Image in der Welt zu verbessern. Er sprach sich dafür aus, mehr Soldaten zur Wiederaufbauhilfe in Krisenregionen zu entsenden, und will ein 20.000 Mann starkes "Army Adviser Corps" einrichten, das die Soldaten verbündeter Militärmächte ausbildet. McCain würde Armee und Geheimdienste stärken und das Verteidigungsbudget erhöhen.
Hillary Clinton:
Sie hat sich dafür ausgesprochen, illegalen Einwanderern einen Weg in die Legalität zu ermöglichen: Sie sollen dafür verpflichtet werden, Englischunterricht zu nehmen - und Strafen zahlen, wenn sie den Unterricht verweigern. Zudem will sie die Strafen für die Beschäftigung von Illegalen erhöhen. Sie stimmte für einen Sicherheitszaun entlang der mexikanischen Grenze. Um dem Problem grundsätzlich zu begegnen, unterstützt sie die Idee eines besonderen Programms für Jobs in der Landwirtschaft. Einen Führerschein für Illegale lehnt sie ab.
Barack Obama:
Der Demokrat hat sich dafür ausgesprochen, die Sicherheitstechnik an den Landesgrenzen zu verbessern und die bestehenden Gesetze besser anzuwenden. Zudem will er einigen der unrechtmäßig in den USA lebenden Menschen einen Weg in die Legalität bieten. Auch er stimmte für den Bau eines 1100 Kilometer langen Zauns entlang der Grenze zu Mexiko.
John McCain:
Er hält den aktuellen Zustand für nicht akzeptabel. Wie Clinton und Obama spricht er sich dafür aus, einem Teil der Illegalen eine Möglichkeit zu bieten, sich legal in den USA aufhalten zu können: etwa eine zeitlich befristete Arbeitserlaubnis. Er verlangt ebenfalls verpflichtenden Englischunterricht und Geldstrafen für diejenigen, die nicht daran teilnehmen. In der Abstimmung 2006 über den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko stimmte er mit "Ja".