Samstag, 21. November 2009

Politik



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07.05.2008
 

Vorentscheidung im Demokraten-Drama

Obama triumphiert, Clinton verliert den Anschluss

Aus Indianapolis berichtet Gregor Peter Schmitz

Barack Obama auf der Siegesspur: Bei der Vorwahl in North Carolina feiert er einen Triumph, in Indiana schafft Rivalin Hillary Clinton nur einen Zittersieg - sie ist endgültig ins Hintertreffen geraten. Ihm ist die Kandidatur kaum noch zu nehmen.

Indianapolis - Um kurz nach 22 Uhr Ortszeit ist es wie bei einer Party, zu der die Gastgeberin selbst nicht gekommen ist. Die Lautsprecher tönen trotzig "Get on your feet", aber längst hocken fast alle Gäste erschöpft auf den Stufen der Bühne. Sie kauern neben den goldenfarbenen Ballons, die ein "Hillary" formen, und den silberfarbenen Ballons, die ein "2008" ergeben.

Es ist der Ägyptische Saal im Murat Centre in Indianapolis, Kronleuchter mit kleinen Holzsphinxen hängen von der Decke, an den Wänden prangen Szenen aus der ägyptischen Götter- und Totenwelt. Auf der Pressetribüne lümmeln sich zwei TV-Veteranen auf dem Boden. Der eine sagt zum anderen: "Von mir aus kann sie auch als Mumie kommen. Wenn sie nur endlich kommt."

Dabei ist Hillary Clinton ja längst da. Doch einfach auf die Bühne vor ihre Anhänger springen kann sie nicht - weil ihr Sieg in Indiana noch immer am seidenen Faden hängt.

Erst gegen 22.30 Uhr traut sich einer ihrer Helfer auf die Bühne. Er ruft: "Wir dachten, dieser Tag würde niemals kommen." Aber die Zuschauer wissen nicht recht, was sie von dem Satz halten sollen.

Sie stehen zwar wieder, jubeln aber verhalten. Bis der Helfer trotzig hinzufügt: "Hillary Clinton wird Indiana gewinnen."

Doch selbst danach werden die Schilder eher vorsichtig geschwenkt. Noch immer läuft über den CNN-Schirm "Too close to call" - die Prognosen sind zu knapp, um einen Sieger auszurufen. Als die Senatorin um 22.40 Uhr selbst auf die Bühne tritt, ganz in Blau, werden die Bildschirme zwar ausgeschaltet. Doch auf den kleinen Schirmen der Fernsehjournalisten ist der Satz immer noch zu lesen.

Und die Zitterpartie wird noch lange dauern. Erst Stunden später, als fast jede Stimme in Indiana gezählt ist, küren alle US-Sender Clinton zur Siegerin in dem Industriestaat. Nicht ganz 51 Prozent erreicht sie - Obama liegt nur einen Hauch dahinter.

Ist das schon der Schlussapplaus? Die Abschiedsrede?

Clinton aber, in scheinbarer Unkenntnis des Dramas, das sich da noch entfalten sollte, beginnt trotzig; sie gibt sich unbeeindruckt: "Wir kamen von hinten und haben den Gleichstand gebrochen. So geht es weiter bis ins Weiße Haus."

Ihrer Stimme fehlt allerdings das Röhrend-Kämpferische der vergangenen Wochen. Sie spricht eher sanft von der "gemeinsamen Reise", auf der sie und ihr Rivale Barack Obama unterwegs seien. Und am Ende dankt sie ihrer Tochter Chelsea und ihrem Mann Bill schon ausführlich für deren Einsatz: "Haben die nicht einen tollen Job gemacht?"

Haben? Ist das schon der Schlussapplaus? Eine Abschiedsrede?

Gegen 19 Uhr, kurz vor Schließung der Wahllokale in Indiana, klang das noch anders. Clintons Top-Berater Terry McAuliffe sprang auf die Pressetribüne. Er kletterte auf eine wacklige rote Kabelbox und rief aufgekratzt zur Tonprobe: "One, two, three: Hillary Clinton for President!" Im Interview war sein erster Satz: "Wir stehen großartig da. Wir werden weitermachen. Ihre ökonomische Botschaft zieht."

Aber als Clinton redet, ist längst klar: Die Kämpferin Clinton, die in den vergangenen Wochen vor allem im Appell an einfache weiße Wähler Whiskey runterkippte, mit Autorennfahrern oder Boxern posierte, hat den Kampf verloren.

"Wir haben die Politik der Teilung überwunden"

Nicht nur ihr Vorsprung in Indiana ist zusammengeschmolzen - vor allem hatte ihr Rivale Obama einen klaren Sieg in North Carolina, mit 14 Prozentpunkten Vorsprung. Ein Staat, der viel mehr Delegierte zu vergeben hat. Direkt nach Schließung der Wahllokale, hatte CNN ihn dort zum Sieger erklärt. Also konnte er auch viel früher vor seine Anhänger treten, schon um 21.15 Uhr.

Und so müssen dann die Clinton-Fans in Indianapolis die Bilder seiner Wahlparty auf dem großen Bildschirm neben der Bühne verfolgen. Buhrufe ertönen, rasch drehen die Organisatoren die Musik lauter, so dass Obama kaum zu hören ist.

Hinter dem schwarzen Senator sind lauter weiße Gesichter zu sehen - obwohl ihn vor allem die afroamerikanischen Wähler zum Sieg getragen haben, die dort rund ein Drittel der demokratischen Vorwähler stellten und zu mehr als 90 Prozent für ihn stimmten. "Wir haben die Politik der Teilung überwunden", ruft Obama. Er spricht vom Wandel, vom Aufbruch, vom amerikanischen Traum. Obama, in den vergangenen Wochen oft als nicht patriotisch genug angegriffen, beschwört immer wieder die tiefe Liebe zu seinem Land.

INTERAKTIVE GRAFIK

Es ist ein großer Sieg für Obama nach der Kontroverse um die Bemerkungen seines Ex-Pastors Jeremiah Wright ("Gott verdamme Amerika!") - und lauten Zweifeln an seinen Chancen, auch gegen die Republikaner zu bestehen.

Freilich: Verschwunden sind diese Zweifel nicht. Selbst in North Carolina gewann Obama nur etwas mehr als jede dritte Stimme weißer Wähler. Außerdem hat der harte Wahlkampf bei ihm Wunden hinterlassen. Obama erklärt in seiner Rede zwar großmütig, es habe lediglich ein paar "verletzte Gefühle" gegeben - aber er glaube nicht, dass die Gräben dauerhaft seien. Doch Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der Clinton-Fans nicht für ihn stimmen wollen - und ein Drittel gar eher ins Lager der Republikaner wechseln würde.

Clinton hofft noch auf die Stimmen aus Florida und Michigan

Außerdem ist das Duell ja noch nicht zu Ende. Clinton verspricht: "Es geht weiter in West Virginia." Dort wird nächste Woche abgestimmt, bis zum 3. Juni stehen sechs Vorwahlen aus. Das Clinton-Lager will auch weiter für eine Lösung des Streits um die Delegationen der Bundesstaaten Michigan und Florida kämpfen. Deren Vorwahlen wurden nicht gewertet, weil die Staaten sich nicht an den Terminplan der Parteiführung gehalten hatten. Clinton gewann beide Abstimmungen und will diese Ergebnisse werten lassen - doch die anderen Bewerber standen teilweise noch nicht einmal auf dem Stimmzettel. Am 31. Mai werden Parteigremien tagen, um über eine Lösung zu beraten.

Nur: Eine Entscheidung, die Clinton deutlich begünstigen würde, ist so gut wie ausgeschlossen. Und die verbliebenen Vorwahlen spielen nahezu keine Rolle mehr. Es geht um die Super-Delegierten - jene rund 800 Parteihierarchen, die sich beim Nominierungstag im August frei entscheiden können. Mehr als 250 von ihnen haben sich noch nicht erklärt. Manche mutmaßen, viele werden in den nächsten Tagen offen ihre Unterstützung für Obama erklären.

Clintons letzte Chance wäre, bei den unentschiedenen Super-Delegierten weiter massive Zweifel an Obamas Chancen gegen die Republikaner zu wecken. So wie sie es in den vergangenen Wochen mit der Kritik an seiner Erfahrung, seinem angeblichen "Elitismus" und seinem Ex-Pastor versuchte. Ihr Kommunikationsdirektor Howard Wolfson erklärt am gestrigen Dienstagabend unbeirrt, nur Clinton könne die großen Bundesstaaten gegen John McCain gewinnen.

Wird aber auch die Bewerberin an diesem Kurs festhalten? Trotz des klaren Rückschlages? Vielleicht hat sie darauf am Abend schon eine Antwort gegeben.

Sie sagt: "Es ist Zeit für einen demokratischen Präsidenten." Und: "Ich werde den demokratischen Bewerber voll unterstützen."

Das hat sie schon oft gesagt. Aber vielleicht hat sie am gestrigen Dienstagabend zum ersten Mal daran gedacht, dass dieser Bewerber Barack Obama heißen könnte.

OBAMA, CLINTON, MCCAIN: DIE POSITIONEN

Irak

AP
Hillary Clinton: 2002 stimmte sie für den Einmarsch im Irak. Heute sagt sie, sie hätte anders gestimmt, "wenn wir damals schon gewusst hätten, was wir heute wissen". Im Fall ihres Einzugs in das Oval Office will sie 60 Tage nach Amtsübernahme mit einem schrittweisen Rückzug beginnen, der bis 2013 abgeschlossen sein soll.


AP
Barack Obama: Obama hatte sich von Anfang an gegen die Invasion im Irak ausgesprochen – zuletzt auch gegen die Truppenaufstockung. Er spricht sich für einen schnellen Rückzug der US-Truppen aus dem Irak aus. Sein Plan sieht vor, ein bis zwei Brigaden im Monat abzuziehen und so nach 16 Monaten alle Soldaten wieder in den USA zu haben.


REUTERS
John McCain: Er hat für den Militäreinsatz im Irak gestimmt. McCain unterstützte das Veto von Präsident Bush gegen das von der Mehrheit der Demokraten im Kongress verabschiedete Kriegsausgabengesetz, das den Abzug des größten Teils der US-Truppen bis zum März dieses Jahres vorsah. Er spricht sich zudem für eine weitere Aufstockung der Truppen im Irak aus und gegen einen Zeitplan für einen Rückzug.

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