Beirut - Es sind die schlimmsten internen Auseinandersetzungen im Libanon seit dem Ende des Bürgerkriegs 1990: Die Hisbollah liefert sich in Beiruts Straßen heftige Kämpfe mit Regierungstruppen - und die radikal-islamische Bewegung scheint zu dominieren. Sicherheitskreisen zufolge haben die Kämpfer der Hisbollah den Soldaten die Kontrolle über den gesamten muslimischen Teil Beiruts entrissen. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP und mehrere Augenzeugen berichten, Hisbollah-Kämpfer hätten in den westlichen Stadtteilen Sarif, Malla, Zukak al-Blat, Chandak al-Ghamik und Aischa Bakkar Stellung bezogen.
Auf den Straßen sind bewaffnete Milizionäre zu sehen, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. Zwar beruhigten sich die Kämpfe im Laufe des Tages. Dennoch würden die Mitglieder von Hariris Partei aus Angst vor weiteren Auseinandersetzungen mit Schiiten aus den besetzten Vierteln in Sicherheit gebracht, hieß es aus Parteikreisen.
Auch im letzten noch umkämpften muslimischen Bezirk der libanesischen Hauptstadt hätten sich die pro-westlichen Regierungsanhänger am Freitag ergeben, hieß es. Bei den Gefechten wurden demnach mindestens elf Menschen getötet und 30 weitere verwundet.
Die libanesische Regierung forderte die internationale Gemeinschaft auf, auf Syrien und Iran Druck auszuüben. Die Hisbollah sei "vollkommen abhängig von diesen beiden Regimen", sagte Telekommunikationsminister Marwan Hamadé dem Nachrichtensender France 24. Werde nichts unternommen, drohe im Libanon die Errichtung eines neuen radikal-islamischen Regimes im Nahen Osten.
Israels Präsident Schimon Peres sprach von einer Tragödie für den Libanon. Er hoffe, dass ein "blutiger Bürgerkrieg" vermieden werde. Das Vorgehen der Hisbollah sei allerdings keine Überraschung. Saudi-Arabien, das die Regierung des Libanon unterstützt, forderte angesichts der Kämpfe eine Krisensitzung der arabischen Außenminister, wie das staatliche Fernsehen des Landes am Freitag berichtete.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rief zu einer friedlichen Lösung der Krise auf. "Ich fordere alle Parteien dringend auf, ihre bewaffneten Anhänger zurückzuziehen, die Waffen niederzulegen und das Gewaltmonopol des libanesischen Staates anzuerkennen", sagte Steinmeier nach einem Telefonat mit dem libanesischen Premierminister Fuad Siniora. "Ich bin zutiefst besorgt über die Eskalation der Gewalt."
Die Kämpfe hatten sich am Streit über ein von der Hisbollah in Eigenregie betriebenes Telefonnetz entzündet, das die Regierung für illegal erklärte. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah sprach daraufhin von einer Kriegserklärung der Regierung gegen seine Bewegung.
Am Morgen hatten Kämpfer der Schiiten-Miliz das Gebäude des regierungstreuen Fernsehsenders Al-Mustakbal ("Zukunft") gestürmt, die Berichterstattung des Senders wurde eingestellt. Al-Mustakbal hat seinen Sitz im überwiegend von Muslimen bewohnten Westen Beiruts und gehört der Familie des sunnitischen Politikers Saad al-Hariri, der zu den Unterstützern der Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora zählt.
Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete am Morgen, rund um das Gebäude von Al-Mustakbal hätten Soldaten Stellung bezogen. Beobachter in Beirut werteten es als Zeichen einer Niederlage der Regierungstruppen, dass der Fernsehsender der Bewegung Hariris den Sendebetrieb einstellte.
Dringender Appell der Uno
Hariri, an dessen Residenz am Morgen eine Bombe einschlug, appellierte im libanesischen Fernsehen an Hisbollah-Chef Scheich Hassan Nasrallah, den Kämpfen Einhalt zu gebieten. Ein Abgleiten in einen Bürgerkrieg müsse unbedingt verhindert werden, sagte der Sohn des 2005 ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri.
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief die rivalisierenden Parteien im Libanon zu einer sofortigen Einstellung der Kämpfe und zu Gesprächen über eine Beilegung der Krise auf.
Der Uno-Beauftragte für den Libanon, Terge Roed-Larsen, sagte, angesichts des Machtvakuums der vergangenen Monate hätten offenbar mehrere paramilitärische Gruppen ihre Waffenarsenale ausgebaut. Die Hisbollah, die größte Miliz, unterhalte nach wie vor eine eigene paramilitärische Infrastruktur neben der staatlichen. Auch habe sie ein eigenes Kommunikationsnetzwerk entwickelt. Dies verstoße gegen die Vorgaben der Vereinten Nationen, die eine Entwaffnung der Milizen gefordert hatten. Italien bereitet inzwischen laut Außenminister Franco Frattini einen Plan zur Evakuierung seiner Landsleute aus Beirut vor.
Im Libanon besteht seit dem Ende der Amtszeit von Präsident Emile Lahoud am 23. November ein Machtvakuum. Die Wahl eines neuen Staatschefs musste wegen Uneinigkeit der Parteien immer wieder verschoben werden.
flo/AFP/AP/dpa/Reuters
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