Neu-Delhi/Jaipur - Weinende Angehörige, blutüberströmte Verletzte, entstellte Leichen: Chaos im größten staatlichen Krankenhaus in Jaipur. Attentäter haben in der Innenstadt der indischen Touristenmetropole ein Blutbad angerichtet. Mehr als hundert Verletzte müssen versorgt werden - und auch jene, denen keiner mehr helfen kann, werden in die Klinik gebracht. Offiziellen Angaben zufolge sind mindestens 60 Tote zu beklagen.
Der Großeinsatz für Ärzte, Helfer und Sanitäter begann gegen 19.30 Uhr Ortszeit, als binnen 20 Minuten sieben Bomben in Jaipur explodierten. Ersten Ermittlungen zufolge zündeten die Attentäter die Sprengsätze per Mobiltelefon. Drei der Bomben waren auf Fahrräder geschnallt, alle steckten in Plastiktüten. Die Fahnder entdeckten an sämtlichen Tatorten Rückstände des Sprengstoffs RDX. Ein achter Sprengsatz ging nicht hoch, er konnte später von der Polizei entschärft werden.
Die Täter gingen gezielt vor. Die Bomben gingen an belebten Plätzen hoch und sollten möglichst viele Menschen treffen. Eine detonierte der Nachrichtenagentur PTI zufolge auf einem Markt, auf dem sich eine große Menge Gläubiger vor einem Hindu-Tempel versammelt hätte. Weitere Explosionen gab es in Autos und Läden. Fernsehsender zeigten Bilder von umgeworfenen Fahrrädern und Rikschas nahe dem Tempel. Laut PTI explodierte eine Bombe in der Nähe des Johari-Basars, eines bei Ausländern beliebten Schmuckmarktes. Bislang gibt es aber keine Hinweise, dass Touristen unter den Opfern sind.
"Die Leichen sehen schrecklich aus"
Dutzende Verzweifelte drängten sich nach den Explosionen auf der Suche nach Angehörigen im Krankenhaus. Vor den Türen baten Ärzte und Krankenpfleger Passanten um Blutspenden. Für viele kam die Hilfe zu spät. "Die Leichen sehen schrecklich aus", sagte ein Augenzeuge, "alles ist voller Blut."
Die Ermittler rätseln noch über die Hintergründe der Tat. "Es war ein Terrorangriff", sagte der Generaldirektor der Polizei in Jaipur, Amjorot Singh Gill. Auch das Innenministerium in der Hauptstadt Neu-Delhi sprach von einem Anschlag. Neu-Delhi und die Metropole Bombay wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Die Regierung rief die Bevölkerung jedoch zur Ruhe auf.
Einige Experten vermuteten sofort nach dem Anschlag islamistische Extremisten als Drahtzieher. Ein Zusammenhang mit dem zehnten Jahrestag der indischen Atomtests vom 11. Mai 1998 wird nicht ausgeschlossen. Sie fanden im Bundesstaat Rajasthan statt, in dem auch Jaipur liegt. Sicherheitsexperten warnten, die Gefahr könnte noch nicht gebannt und die Täter noch in der Stadt sein. Alle Straßen in Jaipur wurden gesperrt.
Rätselraten über den Hintergrund der Bluttat
Fateh Singh, Oberst der indischen Armee, mutmaßt, das Attentat könne mit den bevorstehenden Wahlen zusammenhängen. "Im Oktober wird in Rajasthan das Landesparlament gewählt. Ich vermute, dass es darum geht, im Vorfeld den Bundesstaat zu destabilisieren", sagte er SPIEGEL ONLINE.
In Indien begehen islamistische und andere Extremistengruppen immer wieder Anschläge. Mit dem muslimischen Nachbarland Pakistan - einst ein Teil des kolonialen Indiens - gibt es außerdem seit Jahrzehnten militärische Spannungen wegen der Region Kaschmir. Beide Länder erheben Anspruch auf die Gebirgsgegend.
Jaipur und die Region Rajasthan gehörten in der Vergangenheit nicht zu prominenten Terrorzielen. Bisher hat sich noch niemand zu dem Anschlag bekannt.
Padma Rao/flo/ffr/kaz/rge/Reuters/dpa/AFP/AP
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