Von Erich Follath
Behauptung: Die Chinesen sagen, die Vorgänge in Tibet seien eine "innere Angelegenheit der Volksrepublik", geben sich unbeeindruckt von ausländischer Kritik und drohen mit "Folgen" für jeden Staat, dessen Repräsentanten sich mit dem Dalai Lama treffen; die Tibeter nennen das einen Bluff und glauben, dass Peking sehr wohl auf Druck reagiert.
Die KP-Führer haben Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass kein Staat ein selbständiges Tibet anerkennt; nur: darum geht es gar nicht. Der Dalai Lama pocht nicht auf Unabhängigkeit, täte er das, zum Beispiel mit einem deutschen Regierungsvertreter an seiner Seite, wären chinesische Proteste nachvollziehbar.
Aber Chinas Führer haben in den vergangenen Jahren mit Vertretern des Dalai Lama sechsmal verhandelt. Dass es bald eine Runde sieben geben soll, verabredeten gerade Abgesandte beider Seiten in Shenzhen - auf internationalen Druck hin. Unter diesen Umständen mutet es absurd an, dass Peking den Tibeter im Ausland zur unempfangbaren Person deklarieren will.
Und was Chinas "Sanktionen" angeht - die Angst des gestandenen Staatsmanns Helmut Schmidt und der geballten deutschen Wirtschaftselite davor verwundert. Chinesen mögen Ministertreffen absagen oder kurzfristig den Kulturaustausch einschränken: Ihre Geschäfte lassen sie sich von der Tibet-Debatte bestimmt nicht verderben. Und Geschäfte machen sie, wie jeder weiß, der mit ihnen je verhandelt hat, in knallharter Berechnung und aus Eigeninteresse. Peking braucht deutsche Maschinenbauer und Hochtechnologie - kleinmütiges Duckmäusertum ist dafür nicht nötig.
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