Von Erich Follath
Behauptung: Die Chinesen sagen, Tibet sei nie unabhängig gewesen und schon mindestens seit dem 13. Jahrhundert "integraler Bestandteil Chinas"; die Tibeter sagen, Tibet sei praktisch durchgängig seit 2000 Jahren unabhängig – selten haben sich zwei historische Auffassungen so diametral widersprochen.
Schon im 8. Jahrhundert lieferten sich Chinesen und Tibeter Scharmützel, die dann 822 durch ein Friedensabkommen beigelegt wurden, das eine "große Ära begründen sollte, in der Tibeter glücklich in Tibet und Chinesen glücklich in China sein werden", wie es in einer Inschrift von damals heißt. Im 13. Jahrhundert fielen dann Mongolen erst im Reich der Mitte, dann in Tibet ein und zwangen die Völker unter ihre Herrschaft. Da die Chinesen die von Kublai Khan - einem Enkel des Dschingis Khan - proklamierte Yuan-Dynastie als Epoche ihrer Geschichte betrachten, sehen sie Tibet fortan als Teil Chinas an.
Es ist unbestreitbar, dass die Tibeter den Yuan- und Qing-Herrschern Tribut bezahlten; andererseits betrachteten die Chinesen, wie alte Landkarten beweisen, Tibet damals nicht als eingemeindet, nicht als unmittelbaren Reichsbestandteil. Nach der Revolution von 1911 war Tibet bis zum Einmarsch der Mao-Truppen 1951 de facto ein unabhängiger Staat, mit eigener Flagge und Währung (wenngleich von keinem anderen Staat anerkannt). Eine vertrackte Gemengelage. Da man sich bei der Historie nicht annähern kann, haben beide Seiten beschlossen, das Problem bei künftigen Verhandlungen auszuklammern - ein vernünftiger Ansatz. "Die Argumentation der Chinesen ist insgesamt etwas schwächer", urteilt der US-Professor Elliot Sperling, eine unabhängige historische Kapazität.
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