Von Erich Follath
Behauptung: Die Chinesen sagen, das alte Tibet sei ein "brutales theokratisches Feudalsystem" gewesen, erst Pekings Emissäre hätten die Sklaverei auf dem Dach der Welt abgeschafft. Die Tibeter sagen, nie seien sie so unterdrückt und fremdbestimmt worden wie heute durch Pekings KP und die Han-Chinesen.
Richtig ist, dass die Äbte der großen Klöster in Tibet blutige Kriege gegeneinander führten und ein Großteil der Bevölkerung in Quasi-Leibeigenschaft lebte; auch viele Dalai Lamas starben keines natürlichen Todes. Doch schon der Vorgänger des heutigen begann mit Reformen. Die demokratischen Bestrebungen des 14. Dalai Lama wurden ausgerechnet von der KP gebremst. Ganz China litt dann unter Maos Exzessen.
Aber die Brutalität der kommunistischen Herrscher bekamen die Tibeter noch schlimmer als andere zu spüren, mit tausendfachen Morden an Mönchen, mit der Zerstörung fast aller Klöster.
Der Lebensstandard in Lhasa ist zwar heute tatsächlich höher denn je, aber die völlige Religionsfreiheit wird den Tibetern verweigert. Durch den - von Peking geförderten - Zuzug von immer mehr Han-Chinesen wird das Land systematisch sinisiert, seine Kultur zurückgedrängt, seine Sprache bewusst vernachlässigt.
Die Tibeter neigen ihrerseits häufig dazu, ihre Vergangenheit zu verklären, und westliche Shangrila-Mystiker und esoterische Gesundbeter "helfen" ihnen dabei. Der 14. Dalai Lama gehört nicht zu dieser Gruppe. Er hat die dunklen Seiten der tibetischen Geschichte ausdrücklich kritisiert. Beide Seiten gehen jedenfalls sehr frei mit der Wahrheit um.
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