Von Erich Follath
Behauptung: Die Chinesen sagen, der Dalai Lama agiere als "Spalter der Nation", weil er die "festgeschriebene" Einheit der chinesischen Provinzen aufheben wolle und auf ein "Großtibet" bestehe. Die Tibeter sagen, die Chinesen drängten sie in eine "unhistorische" sogenannte Autonome Region Tibet (TAR) zurück.
Wenn Peking heute von Tibet spricht, ist immer nur die TAR gemeint, eine administrative Region, die Peking erst 1965 ins Leben rief, indem es mehr als die Hälfte des tibetischen Lebens- und Kulturraums abgetrennt hat. Die TAR umfasse nur Zentral- und Westtibet, mithin knapp 50 Prozent der Fläche und weniger als 45 Prozent der tibetischen Bevölkerung innerhalb der VR China, argumentieren die Dalai-Lama-Leute und verweisen zurecht darauf, dass ihr spirituelles Oberhaupt für alle Tibeter sprechen können müsse, nicht nur für die in der TAR.
Allerdings ist es undenkbar und auch für die Moderateren innerhalb der KP schwer durchsetzbar, die Provinzgrenzen neu zu ordnen. Bis jetzt hat der Dalai Lama den Anspruch auf ein Großtibet innerhalb der chinesischen Grenzen aufrechterhalten - es dürfte eine der Verhandlungspositionen sein, die er als Ergebnis ernsthafter Gesprächen mit Peking aufgeben könnte. Es gibt Anzeichen dafür, dass er zu einem Rückzug auf Lhasa und die TAR bereit ist, falls für alle Tibeter ein hohes Maß kultureller und religiöser Freiheit zu erreichen ist.
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