SPIEGEL ONLINE: Der Koran verbietet Selbstmord. Wie bringen Sie die Gläubigen dennoch in so großer Zahl dazu, für die Sache der Taliban zu sterben?
Haqqani: Der heilige Koran verbietet den Selbstmord, aber nicht die Feddajin. Das ist ein großer Unterschied. Selbstmord bedeutet, sich selbst zu töten ohne ein übergeordnetes Ziel anzustreben, die Feddajin hingegen streben zum höchsten Ziel, zum Islam. Dafür gibt es in unserer Geschichte viele Beispiele. Die USA und die internationale Gemeinschaft reden immer nur von Menschenrechten. Was ist mit Guantanamo und Bagram? Werden die Menschen dort auch nach diesen Wertvorstellungen behandelt? Mit Hilfe des heiligen Koran und bedeutenden Religionsgelehrten haben wir ohne Zweifel nachgewiesen, dass Selbstmordanschläge gerechtfertigt sind.
"Kein Afghane würde einem Deutschen auch nur ein Glas Wasser anbieten"
SPIEGEL ONLINE: Wie rechtfertigen Sie es, dass die Selbstmordattentäter Tausende unschuldige Menschen mit in den Tod reißen, die meisten sind Afghanen muslimischen Glaubens?
Haqqani: Nicht wir rechtfertigen dies, sondern der Islam. In Deutschland bringen Sie doch keinen dazu, einen Gegner als Selbstmordattentäter zu töten, selbst dann nicht, wenn der Präsident ihm Millionen von Dollar versprechen würde. In unserer Region dagegen bedarf es wegen der Kultur des Dschihads nur eines einzigen Aufrufes, und innerhalb eines Tages stehen Dutzende bereit. Wir haben doch kein anderes Land angegriffen. Wir verteidigen unser Land lediglich. Und wir sind davon überzeugt, dass wir diesen Krieg früher oder später gewinnen werden. Wir sind auf ein paar Jahrzehnte Krieg vorbereitet, rechnen aber damit, dass der Westen ab 2010 Afghanistan verlassen wird und eine Menge Nationen ihre Truppen abziehen werden.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie kein Mitgefühl mit den Opfern dieses Terrors? Die meisten sind unschuldige Zivilisten. Und auch viele Nato-Soldaten kommen mit der aufrichtigen Überzeugung in Ihr Land, beim Wiederaufbau zu helfen.
Haqqani: Wenn die Opfer Muslime sind, empfinden wir Sympathie für sie und ihre Familien. Wir wissen, dass ihr Tod von großem Wert für den Erfolg des Islam und Allah ist, und wir ehren sie als wahre Gläubige und Getreue.
SPIEGEL ONLINE: Die Opfer sterben ja nicht freiwillig, sondern werden hinterhältig ermordet.
Haqqani: Die Afghanen machen die Taliban nicht verantwortlich für Kollateralschäden, denn sie wissen, dass die Taliban nicht über genügend "Hightech"-Waffen verfügen. Zum Beispiel haben wir auf dem Markt in Kunduz keine Technologie nutzen können, wie sie den Deutschen oder den Amerikanern zur Verfügung steht. Dennoch verdammen die Afghanen die Invasoren, wenn sie trotz ihrer Präzisionswaffen unschuldige Männer, Frauen und Kinder töten. Gleichzeitig fordere ich die Einwohner in Kunduz auf, trefft euch nicht mit Deutschen und haltet euch fern von ihnen und allen anderen fremden Nationen. All jene, die für die Invasoren arbeiten, werden durch die Taliban als Teil derer angesehen und damit als Feinde wie eben auch die Deutschen, Kanadier und Amerikaner.
SPIEGEL ONLINE: Die Mehrheit der Einwohner von Kunduz begrüßte die Ankunft der Deutschen mit großer Freude, nachdem die Taliban von dort vertrieben waren.
Haqqani: Wie kommen Sie darauf, dass die Mehrheit der Bürger auf Ihrer Seite steht? Bitte gehen Sie hinaus und sprechen Sie mit den Menschen. Die haben genug von falschen Autoritäten, Gewalt und einem korrupten Regierungssystem. Sie registrieren genau, wie sich diese Verbrecher am Flugplatz mit den Deutschen treffen, Wein trinken, mit Mädchen tanzen, die aus Tadschikistan ins Land gebracht werden. Verstehen Sie doch: Die Deutschen unterstützen die meistgehassten Warlords, Schmuggler, Gouverneure und Offiziellen.
SPIEGEL ONLINE: Die Afghanen waren stets ein konservatives, aber liberales Volk. Der strenge Islamismus, mit dem die Taliban das Land überzogen, entspricht keineswegs der Kultur des Landes.
Haqqani: Wenn die Menschen von Kunduz die Taliban wirklich ablehnten, dann könnten diese nicht unter ihnen leben und sie würden von der Bevölkerung nicht mit Unterkünften und Nahrung versorgt. Wir sind in Kunduz deutlich beliebter als die Deutschen. Man sieht in uns Freiheitskämpfer. Die Deutschen hingegen gelten als Eindringlinge, und kein Afghane mit reinem Herzen wird einem deutschen Soldaten auch nur ein einziges Glas Wasser anbieten.
SPIEGEL ONLINE: Viele ehemalige Taliban und Kriegsfürsten unterstützen heute die Regierung von Präsident Hamid Karzai. Wieso tun Sie nicht das Gleiche und helfen Ihrem Land, wieder auf die Füße zu kommen?
Haqqani: Wir werden niemals akzeptieren, dass uns 40 Nationen der Ungläubigen angreifen. Das Recht ist auf unserer Seite. Wir kämpfen um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Das ist der Wille Allahs und unserer Religion. Unsere Sitten wollen es, den Viren der Fremden zu widerstehen.
Das Interview führten Susanne Koelbl und Sami Yousafzai
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